Berlin : „Der Junge litt unter tödlicher Langeweile“

Die Eigentümerin lässt das Haus in der Ufnaustraße renovieren und möchte, dass die Mutter des Brandstifters auszieht

Tanja Buntrock

Die Wände im Treppenhaus der Ufnaustraße 8 sind jetzt nackt. Handwerker haben den Putz abgeklopft. Überall stehen Baueimer herum, die Elektrik ist derzeit noch provisorisch verlegt. „Der Brandgeruch muss raus“, sagt Marion Brenning. Die 52-jährige Ärztin ist Eigentümerin des Moabiter Wohnhauses, in dem vergangene Woche neun Menschen bei einem der schwersten Hausbrände der Berliner Nachkriegszeit ums Leben gekommen sind. Bereits vier Familien aus dem Vorderhaus sind wieder in ihre Wohnungen eingezogen. „Die meisten Wohnungen sind ja kaum beschädigt“, sagt Brenning.

Dass der 12-jährige Sohn der Familie A. aus dem Hinterhaus gestanden hat, in der Nacht des 8. August gezündelt und dadurch das verheerende Feuer entfacht zu haben, sei „tragisch“, aber immer noch besser, „als wenn es ein Feuerteufel wäre, der immer wieder zuschlagen könnte“. Nun, da alles herausgekommen ist, habe die Mutter des Jungen mit ihren Kindern die Wohnung verlassen. „Die kommen auch nicht wieder. Das trauen die sich nicht, die würden ja hier von den Mietern gelyncht werden“, glaubt Brenning. Der Jugendstadtrat Mitte, Jens-Peter Heuer (PDS), bestätigt: „Die Familie wird telefonisch bedroht.“ Mehr möchte er dazu nicht sagen. Die Hauseigentümerin möchte nicht, dass die Familie auch nur einen Fuß wieder in das Haus setzt. „Wir haben das Sozialamt eingeschaltet. Die sollen eine Spedition bestellen und die Möbel dort hinschaffen, wo sich die Familie momentan aufhält.“ Sie lasse ein neues Schloss in die Haustür einbauen. Mit der Mutter des Jungen habe die Eigentümerin seit langem Probleme gehabt, sagt sie. Dass die Frau ihre Zigarettenkippen ständig unausgedrückt einfach im Flur habe fallen lassen, gehörte auch dazu. „Der Mann ist gestorben, und die Frau mit den Kindern war völlig überfordert“, erzählt Brenning. Das habe die Frau selbst gesagt. Man habe sich bereits im April mit ihr geeinigt, dass sie nach den Sommerferien freiwillig auszieht.

Der 12-jährige Junge, der gezündelt hatte, habe unter „tödlicher Langeweile“ gelitten, sagt Brenning. Bereits vor drei Wochen habe sie sich das Kind vorgenommen, weil er das ganze Treppenhaus mit Farbe beschmiert hat. „Er musste mit mir zehn Stunden schrubben. Und das hat ihm Spaß gemacht. Er ist sogar traurig gewesen, als alles fertig war, weil er endlich mal was zu tun hatte.“

Nach dem Feuer hat die Eigentümerin gehandelt: In den Wohnungen wurden Rauchmelder installiert, das Treppenhaus wird nicht wieder aus Holz, sondern aus Jura-Marmor gebaut, und im Hof soll künftig ein Häuschen stehen, wo die Kinderwagen hineinkommen.

Im Hinterhaus versucht eine kosovo-albanische Familie mit den Nachwirkungen des Brandes fertig zu werden. „Wir alle sind traumatisiert“, sagt die 19-jährige Tochter Tone. Die Mutter liege seit einer Woche zitternd auf dem Sofa, völlig kraftlos. Keiner könne mehr richtig schlafen. „Wir brauchen psychologische Hilfe. Das hätte sofort passieren müssen“, sagt die Tochter wütend.

Die Hausbesitzerin wiederum sagt, sie hätten bislang noch keinen kosovo-albanischen Psychologen gefunden, es werde aber organisiert. Es sei schockierend, dass der Brandstifter der Junge aus ihrem Haus war. „Aber der Junge ist genug gestraft. Er hat ja neun Menschen auf dem Gewissen“, sagt Tone. Natürlich hätte die Mutter auf ihn aufpassen müssen. Tone erzählt, dass auch ihr kleinster Bruder, er ist vier Jahre alt, leidet. Er sei mit den Nachbarskindern, die ums Leben kamen, befreundet gewesen. Er frage immer, wo sein Freund denn sei. „Im Himmel“, ist alles, was die Schwester auf diese Frage antworten kann.

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