Berlin : Der Kurfürst kam zum Gottesdienst Spandau: Hochstimmung zum Reformationstag

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In der Spandauer Nikolaikirche passierte gestern Seltsames: Kurfürst JoachimII. war nicht nur auf einem Gemälde anwesend, sondern hatte sich samt Hofstaat unter das Kirchenvolk gemischt. Sechs Reihen nahmen die Herrschaften in prunkvollen purpurfarbenen Gewändern mit Pelzbesatz und Perlen, mit Schleiern und Stickereien für sich in Anspruch. Das Ölbild im hinteren Teil der Kirche zeigt, wie der Kurfürst vor 465 Jahren in dieser Kirche zum evangelischen Glauben übergetreten ist und mit ihm Berlin und Brandenburg. Deshalb feierte die Nikolaikirche in der Spandauer Altstadt gestern einen ganz besonderen Reformationsgottesdienst, nicht nur der verkleideten Männer und Frauen wegen, sondern auch, weil kein Stuhl mehr frei war und unter den rund 500 jungen und alten Gläubigen eine Hochstimmung herrschte wie sonst nur zu Weihnachten. Die meisten sangen mit, die Turmbläser spielten, Glöckchen und Schellen klingelten, und Kronleuchter mit echten Kerzen flackerten. Die Predigt zum Gedenken an Luthers Thesenanschlag hielt Generalsuperintendent MartinMichael Passauer – auch das ein Erlebnis. Passauer, groß, kräftig, erinnerte mit seiner tiefen, raumfüllenden Stimme und weit ausgebreiteten Armen daran, dass vor Gott nicht unsere Leistungen und Verfehlungen zählen, sondern dass uns Gott liebt, wie wir sind. Das sei für Luther die wichtigste Botschaft des Evangeliums gewesen, es ist das Fundament der evangelischen Kirche. „Wie furchtbar, wenn Menschen heute zu Ein-Euro-Jobs gemacht werden“, wetterte Passauer, so dass das goldene Kreuz auf seiner Brust wippte. Die Kirchen seien offen für jeden, der der „gnadenlosen Leistungsgesellschaft“ ein anderes Weltbild gegenüberstellen und versuchen will, die Gnade Gottes anzunehmen. Deshalb sei das Reformationsfest ein „Fest des neuen Geistes“. clk

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