Berlin : Der Mann, der Sherlock Holmes drehte

Vor 100 Jahren wurde der Regisseur R.A. Stemmle geboren

Andreas Conrad

Die berühmtesten Figuren, denen er zum Leben auf der Leinwand verhalf? Schwer zu sagen, muss man sich doch entscheiden zwischen Filmhelden wie Otto Groschenbügel, Morris Flynn, Mackie Macpherson und Erwin Putzke, dem kessen Bengel vom Kottbusser Damm 68, oder auch Emil Tischbein. Es klingelt nicht? Aber gewiss doch bei Filmtiteln wie „Quax, der Bruchpilot“, „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ und „Emil und die Detektive“. Auch Otto Normalverbraucher wäre hier zu nennen, dargestellt von dem noch spindeldürren Gert Fröbe in der „Berliner Ballade“ oder auch Lex Barkers Alter ego Old Shatterhand im gleichnamigen Film.

Der gemeinsame Nenner all dieser Filme, die längst zum Grundbestand der deutschen Populärkultur zählen, ist ein Mann, dessen 100. Geburtstag an diesem Dienstag gefeiert wird: R. A. Stemmle. Der gebürtige Magdeburger war für rund vier Jahrzehnte ein Universalgenie deutschen Bühnen- und Filmwesens, tätig als Regisseur und Autor von Stücken, Drehbüchern, Romanen, Moritatensammlungen. Mit Werner Finck gehörte er zu den Gründern des Berliner Kabaretts „Katakombe“, arbeitete an der Volksbühne als Regisseur und Dramaturg, hatte 1930 einen großen Erfolg mit seinem Stück „Kampf und Kitsch“, in dem er seine Erfahrungen als junger Lehrer in Magdeburg verarbeitete.

Außerordentlich geschickt zeigte sich Stemmle auch bei der Mehrfachverwertung seiner Geschichten, wie das Beispiel des „Sherlock Holmes“-Films zeigt. Die Rechte für einen „echten“ Sherlock-Holmes-Film konnte er nicht bekommen, also machten er und Regisseur Karl Hartl aus der Not eine Tugend. Aus Sherlock Holmes und Dr. Watson wurden Morris Flynn und Mackie MacPherson, zwei erfolglose Detektive, die sich nur als die beiden berühmten Vorbilder verkleiden und prompt auf der Brüssler Weltausstellung den Diebstahl von vier Mauritius-Marken aufklären.

Aus der genialen Filmidee entstand erst das Drehbuch, dann ein Roman, den der Berliner Eulenspiegel-Verlag vor einigen Jahren noch einmal herausgebracht hat. Das Duett mit Hans Albers und Heinz Rühmann – „Jawoll, meine Herrn, so haben wie es gern“ – entwickelte sogar Ohrwurm-Qualitäten.

Seine Arbeit nahm er ernst, aber glorifiziert, so erinnert sich seine Witwe Annelise Stemmle, hat er sie nie, sondern stets betont: „Ich mache ja keine Kunst, sondern bin dazu da, die Leute zu unterhalten.“

Zum 100. Geburtstag von R.A. Stemmle zeigt das Arsenal am Potsdamer Platz seinen Film „Sündige Grenze“, 10. Juni um 19 Uhr. Am 12. Juni, 18 Uhr, zeigt das Potsdamer Filmmuseum „Der Biberpelz“ und um 20 Uhr die „Berliner Ballade“. Zugleich wird im Foyer eine Ausstellung über das Werk R.A. Stemmles eröffnet.

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