• Der Mehringhof ist das "lebende Museum" der alternativen Szene, aber auch weiterhin der Treffpunkt von Linksradikalen und Militanten

Berlin : Der Mehringhof ist das "lebende Museum" der alternativen Szene, aber auch weiterhin der Treffpunkt von Linksradikalen und Militanten

Gerd Nowakowski

"Raus aus den Löchern", hieß die Losung auf den "Flugis", die Anfang Dezember in der linksradikalen Szene kursierten. Auf dem "2. unordentlichen Maulwurfstreffen" sollten "Strategien und Perspektiven linksradikaler Politik" diskutiert werden. Ort des Treffens: der Mehringhof in der Geneisenaustraße 2 in Kreuzberg. Das ausgedehnte Fabrikgebäude ist seit zwanzig Jahren das Hauptquartier der Alternativen Bewegung mit einem bunten Mischung von Kulturprojekten wie dem Mehringhoftheater, Betrieben wie einem biologischen Großhandel, einem Fahrradladen oder einer Schule für Erwachsenenenbildung. Doch während die alternative Latzhosenfraktion in die Jahre gekommen ist, sich mit Kindern und Altersversorgung beschäftigt und von sich selbst sagt, "wir sind ein lebendes Museum", ist der Mehringhof für die linksradikale und militante Szene immer noch der zentrale Treffpunkt.

In der Kneipe "Ex" finden sich auf der Theke mehr "Soli-Sammelbüchsen" als Biergläser, im Buchladen "schwarze Risse" gibt es schwerverdauliche radikale Traktate, der "Ermittlungsausschuss" untersucht seit vielen Jahren "polizeiliche Übergriffe" gegen Linke und auch die autonome Postille "Interim" hat im Mehringhof seine Adresse. Formal jedenfalls. Denn weder Redaktion noch die als presserechtlich verantworliche "Charlotte Schulz" hat die Polizei trotz einiger Durchsuchngen bislang ausfindig machen können.

Großeinsätze der Polizei hat der Mehringhof seit seiner Gründung im Jahre 1979 immer wieder erlebt; die Mitarbeiter der über 30 Betriebe und Projekte nehmen es gelassen. Für den Kaufpreis von 1,7 Millionen Mark wurden vor zwanzig Jahren zahlreiche politische Gruppen zum Besitzer der eindrucksvollen Immobilie, während im damaligen West-Berlin nahezu zeitgleich über 160 Häuser besetzt wurden. In der Geschichte des Mehringhofs spiegeln sich seitdem die politischen Auseinandersetzungen in Berlin wider. Der damalige Innensenator Heinrich Lummer ließ Anfang der achtziger Jahre nach Demonstrationen der Hausbesetzer seine Beamten gegen das imposante Backsteingebäude vorrücken, bald danach zog der im Mehringhof organisierte Volkszählungsboykott mehrfach Staatsanwaltschaft und Polizei an. Mit teilweise erheblichen Folgen für die Stadt. So war die Durchsuchung des "Boykott-Büros" am vorhergehenden Tag ein Auslöser für die gewalttätigen Ausschreitungen am 1. Mai 1987 in Kreuzberg, die Berlin weltweit negativ in die Schlagzeilen brachte. Ob bei den gewalttätigen Demonstrationen gegen den US-Präsident Ronald Reagan in den Jahren 1991 und 1987, ob bei den Protesten gegen die Nato-Nachrüstungsdebatte oder gegen das Treffen des internationalen Währungsfonds 1988 in Berlin - im Mehringhof traf sich die autonome und linksradikale Szene zu ihren Vollversammlungen und Vorbereitungstreffen. Oft genug unter öffentlicher Observation. Für den Verfassungsschutz nämlich war der Mehringhof eine erstklassige Quelle.

Der Mauerfall wirbelte zwar das autonome Kreuzberger Biotop mit seinen festgefügten linksradikalen Gewissheiten durcheinander. Die Szene verjüngte sich und zog teilweise nach Prenzlauer Berg. Der Mehringhof aber blieb weiterhin ein zentraler Treffpunkt für die radikale Linke. Auf zahlreichen Veranstaltungen wurde ab 1993 der "Widerstand" gegen die Bewerbung Berlins für die olympischen Sommerspiele 2000 organsiert. Ob die dilettantische Bewerbung des Senats und des obersten Olympia-Managers Axel Nawrocki für die Niederlage Berlins verantwortlich war, oder die öffentlichkeitswirksamen "Nolympia"-Aktionen, wie die linksradikalen Aktivisten für sich in Anspruch nahmen, bleibt dahingestellt.

Die Krise der Linken ist aber auch am Mehringhof nicht vorbeigegangen. Das auch die Autonomen Nachwuchssorgen haben, zeigt sich an Details. Das legendäre "Ex", für Generationen von Autonomen die Kneipe, warf in den letzten Jahren nicht mehr genug Umsatz ab. Jetzt wird das Lokal von über 20 Gruppen aus der Stadt gemeinsam betrieben.

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