Berlin : Der Mistkerl aus Treuenbrietzen

Jeder Drehorgelspieler singt die schauderhafte Moritat vom bösen Schuster aus der Flämingstadt und seinem Sabinchen. Viele kennen daher den Namen Treuenbrietzen – dass es diesen mittelalterlichen Ort aber wirklich gibt, überrascht die meisten Zuhörer

Claus-Dieter Steyer

Treuenbrietzen strotzt vor Merkwürdigkeiten. Der „Bismarkstraße“ fehlt hier ganz bewusst der Buchstabe „c“. Denn beim Namengeber handelt es sich keineswegs um den vielerorts verewigten deutschen Reichskanzler, sondern um einen Schäfer. Er trieb seine Herde im 19. Jahrhundert traditionell auf der heute am nordwestlichen Stadtrand verlaufenden Straße aus Treuenbrietzen heraus. Die Friedrichstraße hinter dem Gildehaus wiederum misst an ihrer breitesten Stelle nicht einmal 1,50 Meter und ist kaum mehr als ein enger Hinterhof. Ein Witzbold hat dem schmalen Durchgang den Namen einer Metropolenstraße verpasst. Heute amüsieren sich die Einwohner darüber und führen ihre Gäste gern in die Gasse. Dagegen muss die Bezeichnung „Klein-Venedig“ für den Flecken am Pulverturm der Fantasie eines Romantikers entsprungen sein, besitzt dieser Ort doch wenig Ähnlichkeit mit der Lagunenstadt.

Den I-Punkt aber setzt das Pseudonym „Sabinchenstadt“ auf diese längst nicht vollständige Liste. Es schmückt die Internetseite des Flämingortes. Auch das jeweils in der ersten Junihälfte stattfindende Volksfest bedient sich des weiblichen Vornamens, ebenso wie eine Apotheke und neuerdings sogar eine Firma für ihr aus 700 Metern Tiefe gefördertes Mineralwasser. Die Skulptur auf dem Marktplatz trägt seit dem 6. Oktober 1984 den Namen „Sabinchenbrunnen“. Auf dem Sockel steht eine stämmiges Frauenzimmer. Zu ihren Füßen liegt ein junger Mann.

Mit der Besinnung auf Sabinchen machten sich die Stadtväter vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten den Ursprung der einzigen überregionalen Bekanntheit ihres Ortes zunutze: das Kneipenlied über die „höchst schauderhafte Begebenheit, welche voriges Jahr am 30. Februar ist begangen worden“, wie es in einem fast 150 Jahre alten Text zur „Beschreibung von der Verlaufung der ganzen Sach“ heißt.

1849 war das Lied in den „Musenklängen aus Deutschlands Leierkasten“ erschienen. Aber wahrscheinlich grölten schon um 1790 Jenaer Studenten die elf Strophen: „Sabinchen war ein Frauenzimmer . . ..“ Demnach soll ein Schuster aus Treuenbrietzen sein ganzes Geld versoffen und in seiner Not das tugendhafte Frauenzimmer Sabinchen angebettelt haben. Sie stahl von ihrer „sauberen Dienstherrschaft zwei silberne Blechlöffel“. Die Tat kam ans Licht. Der Schuster aber war ein Mistkerl, er wollte nichts mehr wissen von ihr. „Da nimmt er gleich sein Rasiermesser und schneid’t ihr ab den Schlund.“ Im Gefängnis gestand er den Mord, für den er an den Galgen musste. Die Moral von der Geschichte: „Trau’ keinem Schuster nicht! Denn der Krug geht so lange zu Wasser, bis ihm der Henkel abbricht.“

Im 19. Jahrhundert beschwerten sich die Treuenbrietzener Schuster an höchsten Stellen über die spöttischen Verse. Doch alle zeigten Humor und wiesen die Klagen ab. Schon damals fehlten sämtliche Anhaltspunkte über den Wahrheitsgehalt der Geschichte. „Man wird doch schon beim Datum 30. Februar stutzig“, sagt der Chef des Heimatmuseums, Wolfgang Ucksche. „Treuenbrietzen tauchte im Lied wohl nur deshalb auf, weil sich der Name gut reimte.“

Ältere Menschen kennen das Lied noch aus ihrer Jugendzeit, gehörte es doch in Biergärten oder auf Ausflugsdampfern zum Repertoire der Kapellen. „Noch heute ernte ich im Westen ungläubiges Erstaunen, wenn ich über meinen Heimatort spreche“, erzählt Heimatforscher Ucksche. „Viele Menschen sind überrascht, dass es unsere Stadt tatsächlich gibt.“

Dabei hätte es beinahe gar nicht mit dem Reim geklappt. Denn ursprünglich waren die Treuenbrietzener einfach Brietzener und hatten auch noch keine blau-weiße Fahne, die heute am Rathaus flattert und im Berliner Umland höchst untypisch ist. Auch in dieser Frage hilft der Besuch im Heimatmuseum weiter. Wie die Chronik berichtet, war 1319 der letzte askanische Markgraf Waldemar im Alter von 28 Jahren verstorben. Man setzte ihn in aller Stille bei, um keine Unruhe aufkommen zu lassen.

Das Geschlecht der Wittelsbacher aus Bayern wollte nun in der Mark herrschen, geriet aber mit den Luxemburgern in Streit. Diese hatten gleichfalls ein Auge auf die Mark geworfen und griffen zu einer List. Sie präsentierten einen Doppelgänger, der sich als Markgraf Waldemar ausgab und behauptete, er sei gar nicht gestorben, sondern von einer langen Reise zurückgekehrt, die man verheimlicht habe. Fast alle Städte fielen auf den Trick herein und wandten sich von den Wittelsbachern ab. Nur Beelitz, Frankfurt (Oder) und Brietzen hielten zu den Bayern. Aus treuen Brietzenern wurden nun im Laufe der Zeit die Treuenbrietzener.

Diese Geschichten leben heute während der traditionellen Sabinchenfestspiele im Juni auf. Auch in diesem Jahr zog ein Paar in den Kostümen des Haushaltsmädchens und des arglistigen Schusters mit großem Gefolge durch die Straßen. Wer an anderen Tagen den Ort besucht, lernt in den Straßen abseits des Marktes eine Stadt mit viel Ruhe und Geborgenheit kennen. Zwar zeigen sich noch nicht alle Fachwerkhäuser im alten Glanz, doch auch in Treuenbrietzen kommt die Sanierung voran. Und die vielen kleinen Geschichten machen bei der Stadterkundung ohnehin Freude. So steht am Pauckertring ein Obelisk für den Komponisten Friedrich Heinrich Himmel. „Er hätte ein ganz Großer werden können“, urteilte Goethe über den 1765 in Treuenbrietzen geborenen und 1815 in Berlin gestorbenen Königlichen Kapellmeister – „wenn er nur etwas ernsthafter gewesen wäre“.

Tatsächlich liebte Himmel, dessen Geburtshaus in der Großstraße eine Gedenktafel trägt, die Frauen und den Alkohol. Er hatte Königin Luise das Klavierspielen beigebracht. Später rühmte er sich, ihr dabei auf die Schulter geküsst zu haben. Aber Himmel war für seine Übertreibungen bekannt. So ließ er seine Kutsche stets mit vier Pferden bespannen, obwohl ihm in seinem Rang nur zwei zustanden. Niemand störte sich daran. Aber das ist schon die nächste Merkwürdigkeit von Treuenbrietzen …

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