Berlin : Der mysteriöse Schuss

Reizgas-Unfall in Volksbühne ist noch ungeklärt

Christoph Stollowsky

Der Schuss sollte dem miesen Herrn Grundeis nur einen Schreck einjagen. Deshalb zielte einer von Emils Helfern neben die Füße des Diebes, der den Jungen im Zug beklaut hatte. Doch als es auf den Bühnenbrettern der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz am Samstagabend laut knallte, fuhr nicht nur Herr Grundeis zusammen. Urplötzlich tränten, wie berichtet, durch Reizgas die Augen von 80 Zuschauern des Stücks „Emil und die Detektive“, sie verließen hustend und heulend fluchtartig den Saal. Seither stehen die Mitarbeiter der Volksbühne und die Polizei vor einem Rätsel: Es ist noch völlig unklar, wieso es bei der Vorstellung so viele Tränen gab.

Steckte in der Schreckschusspistole statt Theatermunition aus Versehen eine Tränengaspatrone? Das Team der Requisite versicherte gestern, man habe die richtige Munition eingelegt. War vielleicht schon bei der Lieferfirma eine Reizgaspatrone in die falsche Packung geraten? Oder hatte sich jemand im Publikum einen bösen Scherz erlaubt, indem er während des Schusses heimlich Reizgas versprühte? Das alles will nun die Polizei klären. Sie beschlagnahmte die Theaterpistole samt Munition und lässt diese kriminaltechnisch untersuchen. Das Ergebnis, hieß es gestern, werde frühestens Ende Januar vorliegen.

Knapp die Hälfte der geflüchteten Zuschauer forderte ihr Geld zurück oder buchte eine neue Vorstellung, die anderen nahmen nach wenigen Minuten wieder ihre Plätze im Saal ein, so dass die Vorstellung fortgesetzt werden konnte. Das Reizgas hatte sich verzogen, die gleichfalls erschrockenen Schauspieler – vor allem Milan Peschel als Herr Grundeis und Georg Friedrich als Schütze – hatten wieder ihre innere Ruhe gefunden.

Die Volksbühne inszeniert Erich Kästners Kindergeschichte „Emil und die Detektive“ seit Anfang Dezember in einer Fassung von Frank Castorf, vermischt mit Texten und Szenen aus Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Es gibt zwei Versionen für Kinder ab neun Jahren und Jugendliche ab 17 Jahren – der mysteriöse Schuss fiel vor dem etwas älteren Publikum. Christoph Stollowsky

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