Berlin : Der Nachwuchsschauspieler

Mit 74 hat Bud Spencer seinen ersten wichtigen Film gedreht. Der kunstvolle Italo-Eastern läuft zur Berlinale

Andreas Conrad

Wie viele Wörter braucht ein Cowboy zum Leben? „40 bis 50 genügen.“ Bud Spencer spricht aus jahrzehntelanger Erfahrung. Einen Schauspieler brauche man auch nicht, um so einen wortkargen Menschen auf die Leinwand zu bringen. Keinen, der facettenreiche Charaktere darzustellen vermag. Eher einen besonderen Typen. Einen wie ihn.

Ein Mann wie ein Berg. Massig, gewaltig, schwer. Die Haare zurückgekämmt, schon etwas schütter, der Vollbart wuchernd wie immer. Grauer als gewohnt, das schon. 74 Jahre gehen auch an „Plattfuß“ nicht vorbei. Und die Bewegungen sind langsamer geworden, bedächtig fast, sparsam die Gestik, sporadisch das Lachen, jedenfalls in dieser Runde mit Ermanno Olmi, seinem letzten Regisseur, der Hand voll Journalisten – und der Dolmetscherin, die kaum nachkommt, die immer längeren Antworten zu übersetzen. Einem Cowboy mögen einige Dutzend Wörter genügen, Bud Spencer genügen sie nicht.

Zumal es darum geht, seinen neuen Film vorzustellen, seinen „ersten wichtigen“, wie er es genannt hat: „Singing behind screens“, ein kunstvoll erzähltes Filmmärchen über eine chinesische Piratenführerin des späten 18. Jahrhunderts, eine zwischen den Fiktionsebenen ständig hin und her springende Mischung aus filmischer Realität, Theaterspiel, Peking Oper – eine Art ambitionierter Italo-Eastern, mit Bud Spencer als altem Kapitän, eine Rolle mit jeder Menge Dialog, die unabdingbare Klammer des Spiels auf mehreren Ebenen.

Er und ein Schauspieler? Nein, so hat Bud Spencer sich nie gesehen und anspruchsvolle Rollen, die ihm angeboten wurden, Gulliver beispielsweise, immer abgelehnt. Man muss seine Grenzen kennen, und beweisen muss sich einer wie er sowieso keinem mehr: Doktor der Juristerei, ehemals italienischer Meister im Freistilschwimmen, 1952 und 1956 Olympiateilnehmer, später Vorarbeiter beim Bau der Panamericana in Venezuela, dann jahrzehntelang weltweit erfolgreicher Kino-Haudrauf, schließlich Unternehmer, Erfinder von Dingen wie der Einwegzahnbürste mit integrierter Zahncreme, Komponist für die Sängerin Rita Pavone und sich selbst – die Liste ließe sich fortsetzen.

Auch wenn er seine Filme mit Terence Hill nicht gerade als schauspielerische Meisterleistungen ansieht – etwas stolz ist er darauf doch. „Das erste Mal, dass Amerika italienische Filme kopiert hat.“ Denn wurde nicht der komische Western, den Spencer/Hill aus dem Spaghetti-Western entwickelten, von Mel Brooks weitergeführt? Ein simples, aber weltweit gültiges Erfolgsrezept hatten die beiden gefunden, Hill mit seinen blauen Augen habe die Frauen begeistert, er mit seiner Stärke mehr die Männer. Was die Leute zum Lachen brachte? „Nicht was wir sagen, sondern was wir tun.“ Filme in der Tradition von Charlie Chaplin und Buster Keaton seien es, 16 insgesamt, von 104, die Spencer – eigentlich heißt er Carlo Pedersoli – gedreht hat. Noch immer seien er und Terence Hill eng befreundet, das sei wohl einzigartig unter all den Filmpaaren.

Aber Schauspieler – nein, der war er dabei nie. Erst Ermanno Olmi habe ihn dazu gemacht. „Ein Wunder.“

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