Berlin : Der PDS fehlt es - das einst so beliebte Traditionskabinett (Glosse)

David Ensikat

Eine große Erungenschaft der DDR waren ihre Traditionskabinette. Betriebe hatten welche, Armee-Kasernen auch und Schulen sowieso. Traditionskabinette waren für vieles gut: In den Betrieben wurden dort Aktivisten ausgezeichnet, in den Kasernen dienten sie gewöhnlich der Bestrafung Aufmüpfiger - die mussten dort entweder Staub wischen oder die Wandzeitungen erneuern -, und in den Schulen wurden die Schüler dorthin geführt, wenn der Klassenleiter den Eindruck hatte, die Klasse sei nun reif, Stolz auf den Namen ihrer Lehreinrichtung zu entwickeln. An meiner Schule, der POS "Karl Liebknecht" in Oberschöneweide, hing ein großes Foto des KPD-Gründers im Traditionszimmerchen, auf einem Tischlein stand eine kleine Liebknecht-Büste, und eine Wandzeitung erzählte seine Heldengeschichte. Rosa Luxemburg war auch auf einem Foto zu sehen.

Es muss ein sehr praktischer Mensch gewesen sein, der sich das mit den Traditionskabinetten ausgedacht hat. Denn wenn es nur eines kleinen Kämmerchens bedurfte, ausgestattet mit ein paar leicht zu beschaffenden Devotionalien, dann war das eine sehr effiziente Form, den historischen Materialismus in die Betriebe, Schulen und Kasernen zu tragen. Irgend ein Agitationsbeauftragter zur Ausstaffierung des Kabinetts fand sich immer, Künstler mit Anspruch und Allüren musste man nicht hinzu ziehen. Und wenn ein Genosse von ganz oben kam und fragte, wie es denn um die Tradition so stünde, so konnte auch man ihn ins Traditionskabinett führen. Wenn kein Staub auf der Büste lag, und wenn die Fotos auf der Wandzeitung nicht vergilbt waren, so sah er, dass für die Tradition hinreichend gesorgt war.

Die Stärke der PDS besteht angeblich darin, DDR-Erfahrungen und für sich zu instrumentalisieren. Wie kann es da sein, dass die Parteizentrale am Rosa-Luxemburg-Platz kein Traditionskabinett hat? Das Haus trägt einen Namen, zu dem sich so etwas machen ließe. Ganz bestimmt. Es heißt "Karl-Liebknecht-Haus". Wenn dieses Haus ein Traditionskabinett hätte, so wäre der PDS die peinliche Geschichte mit der Rosa-Luxemburg-Plastik wohl erspart geblieben. Da sie die Traditionspflege vernachlässigt sahen, machten sich vor zehn Monaten ein paar Genossen Künstler mit Anspruch und Allüren auf und betonierten bei Nacht und Nebel eine lebensgroße Luxemburg-Figur vor dem Haus ein. Die Parteiführung war nicht gefragt worden und nun nicht amüsiert. Einfach wegmachen konnte sie die Rosa aber auch nicht - sie konnte ja nicht einmal auf ein Liebknecht-Kabinett mit einem einzigen Luxemburg-Bild verweisen. Gestern fand die Sache aber doch noch ein gutes Ende: Jetzt steht die Plastik in Friedrichshain vor dem Sitz der PDS-nahen "Bundesstiftung Rosa-Luxemburg". Hinter ihr hängt ein Relief, das Karl Liebknecht gewidmet ist. Statt Büste eine ganze Plastik, statt Wandzeitung ein Relief: ein Traditionskabinett mit verschärften Mitteln.

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