Berlin : Der Räuber, den sie Skorpion nennen

Der Bus-Entführer ist der Polizei gut bekannt. Schon oft saß Dieter Wurm wegen Banküberfällen im Gefängnis. Einmal schlug er im Hafturlaub zu

Katja Füchsel,Barbara Junge

Von Katja Füchsel

und Barbara Junge

Die Tätowierung am Unterarm brachte Dieter Wurm seinen Spitznamen ein: der Skorpion. Vielleicht wäre „der Poet“ noch passender, denn Wurm schreibt offenbar für sein Leben gern: „Hätte der Staat die beiden abziehen lassen, wäre gar nichts passiert“, kommentierte er am 26. August 1988 das Gladbecker Geiseldrama in einem Leserbrief an die „taz“. „Emanuelle und Silke mussten sterben, weil der Staat auf Teufel komm raus ein Ritual durchziehen musste, nicht mehr als ein Ritual,“ schrieb Wurm aus der Justizvollzugsanstalt Moabit. Da saß er sechseinhalb Jahre wegen eines Banküberfalls. Wieder einmal.

Und nun kommt offenbar auch noch eine Geiselnahme hinzu. Der Mann, der am Freitag erst eine Bank überfiel und dann einen Bus der Linie 185 kidnappte, hat bereits viele Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht.Tatsächlich scheinen Geldinstitute eine unüberwindliche Anziehungskraft auf Wurm auszuüben: Selbst als der Gefangene im Januar 1988 für nur einen Tag Ausgang hatte, marschierte er mit einer Maschinenpistole direkt in die nächstbeste Filiale. Ein anderes Mal hatte Wurm eine Handgranate dabei.

Eine Fahndung von damals liest sich so: Dieter Wurm ist 1 Meter 84 groß, schlank, hat hellblonde, kurze Haare, graugrüne Augen und trägt eine Brille. Er trägt zeitweise einen Oberlippen- oder Kinnbart. Auf Wurms linkem Unterarm befindet sich ein tätowierter Skorpion, auf dem rechten Unterarm ein tätowierter Leopardenkopf.

Immer wieder fasste die Polizei Dieter Wurm, inzwischen kann der heute 46-jährige Verbrecher einen erschreckenden Lebenslauf vorlegen: Neben Bankraub stehen Sprengstoff-Delikte darauf, dazu noch räuberische Erpressung. Wurm wurden damals außerdem enge Kontakte zu den Geiselnehmern von Gladbeck nachgesagt. Im Prozess gegen die beiden Täter war der Kollege Bankräuber auch als Zeuge geladen.

Mehrarbeit bescherte Wurm während seiner kriminellen Karriere aber nicht nur der Polizei: 1991 geriet die damalige Justizsenatorin Jutta Limbach (SPD) wegen Wurm erheblich unter Druck. Denn trotz seines Freizeitausflugs zum Banküberfall 1988 hatte Wurm im Oktober 1991 erneut Hafturlaub bekommen. Diesmal nutzte er die Freizeit nicht zum Überfall, sondern zur Flucht. Auf dem Weg zu einer Therapie im Institut für forensische Psychiatrie an der Freien Universität. Man hatte es Wurm nicht sonderlich schwer gemacht: Der Gefangene war ohne Begleitung unterwegs. Die Flucht führte zu disziplinarischen Konsequenzen bei Mitarbeitern der Vollzugsanstalt Moabit. Denn auch Senatorin Limbach fand, dass man Wurm vielleicht etwas zu viel Vertrauen entgegengebracht hatte. Ein Mithäftling behauptete später, die Flucht sei sogar ein Komplott der Gefängnisdirektoren gegen Limbach gewesen. Er und ein weiterer Häftling hätten die Anstaltsleitung schon früh vor den Fluchtplänen gewarnt. Diese habe aber nicht reagiert.

Drei Wochen später nahm ihn die Polizei in Baden-Württemberg fest. Zuvor hatte er in dem kleinen Ort Öhringen wiederum eine Bank überfallen. Zurück im Gefängnis vertiefte der Bankräuber dann seine schriftstellerische Tätigkeit. Bis heute betreibt er eine eigene Homepage, auf der er seine Knast-Prosa verbreitet. „Ich bin Gefangener und habe 10 Jahre abgesessen“, heißt es unter www.knast.net/gitterzeit/wurm.htm . Hier kann man über Wurms „absolut nervtötenden Wecker“ lesen, seine morgendliche Körperpflege („kaltes Wasser würde mir den Tag noch mehr versauen“) und sein seelisches Wohlbefinden („ich habe auf nichts Bock“).

Vor seiner Entlassung im Juni 2000 schrieb Wurm: „Heute geht es mir nur noch darum zu erreichen, frei zu werden, das bekannte NIE WIEDER ausleben zu können. Wer nachts im Käfig auf einem Betonklotz steht, in Sträflingskleidung der Öffentlichkeit präsentiert, gerichtsbehandelt wird, sollte begriffen haben, dass dies ein schlechter Tausch ist für Geld und Erfolgserlebnisse, die sich aus Straftaten ergeben!“

Doch offenbar hat Wurm sein Geschwätz von gestern nicht mehr interessiert.

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