Berlin : Der Rauch hat sich verzogen

Kippen verboten: Am Bahnhof Zoo halten sich die Fahrgäste überraschend schnell an die neue Regelung

Christoph Stollowsky

Am Sonnabend waren sie noch da. Sie zogen mit Genuss an ihren Kippen im Getümmel der Bahnhofshalle und drückten die Stummel in großen Aschenbechern aus. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Doch am Sonntag sind sie alle weg: die Raucher. Und die Aschenbecher. Vertrieben und fortgeräumt von der Deutschen Bahn. Denn seit gestern gilt auch an den Gleisen und in der Halle im Bahnhof Zoo ein Qualmverbot – wie seit einem Jahr schon an anderen Bahnhöfen. Wer auszieht, noch ein paar notorische Nikotinsünder zu entdecken, hat keine Chance: „Die sind alle unglaublich brav“, freut sich eine Zugabfertigerin - und weist zu den Bahnsteigenden.

Dort, am zugigen Schluss der Glashalle, gerade noch vor Regen geschützt, blasen die letzten Raucher in Grüppchen weiße Wolken in die Luft in ihrem neuen Asyl, das schon von weitem zu riechen ist und offiziell „Raucherinsel“ heißt. Zwei solcher Rückzugsorte gibt es an jedem Bahnsteig. Fünf Metallbänke stehen dort und ein tellergroßer Ascher, der qualmt wie ein Vulkan und sich ganz warm anfasst von den vielen glimmenden Stummeln, die ununterbrochen darin landen. Ein Bild, das Mitleid erregt. „Wer hier noch unbedingt rauchen muss, ist ja zu bedauern“, sagt eine Nichtraucherin.

Zumal die Bahn nichts auslässt, auf das neue Verbot hinzuweisen. Dottergelbe Schilder hängen so häufig an den Wänden wie Parteireklame vor Wahllokalen: „Zur Verbesserung der Sauberkeit und aus Rücksichtnahme auf Nichtraucher ist Rauchen grundsätzlich untersagt!“ Denselben Satz spricht eine resolute Frauenstimme alle paar Minuten aus den Lautsprechern. Und über den Türen aller Zugabfertigerhäuschen laufen elektronische Spruchbänder „Zur Verbesserung der Sauberkeit ...“! - in knallroter Schrift. Mit 15 Euro Geldbuße droht die Bahn allerdings noch nicht. Sie setzt erst einmal auf die nette Tour und lässt ihre Sicherheitsmänner nur ermahnende Worte sprechen. Außerdem verteilen sie Tütchen mit Gummibärchen. „Zum Trost und als Ersatz fürs Nikotin.“

„Das ist doch diskriminierend“, schimpft dennoch ein Hamburger Ehepaar auf der Raucherinsel am Gleis 4. Doch sie gehören zu den wenigen, die sich über die neue Regelung ärgern. „Super“, ruft Gabi vom rotgekleideten Reinigungsdienst. Schon nach einem Tag liegen auffällig weniger Kippen zwischen den Gleisen als zuvor, die letzten wirken wie eine Reminiszenz an vergangene Raucherfreuden. Und auch die Bahnsteige sehen aus wie frisch gefegt. Nirgendwo hässliche schwarze Spuren zertretener Kippen.

Ein heißer Tipp unter den Rauchern: Die Cafés und Wurstbuden in der Haupthalle. Innerhalb dieser gastronomischen Inseln dürfen sie sich gleichfalls eine anzünden, aber sie müssen dann am Stehtisch bleiben, knapp einen Meter dahinter ist das schon wieder illegal. Hier fühlen sie sich wohler als am Bahnsteigende und sind versöhnt. „Das Rauchverbot ist in Ordnung“, sagt Ella Klein und nippt am Espresso. Sie ist Versicherungsexpertin und bundesweit viel unterwegs. Rauchfreie Bahnhöfe sind für sie nichts Neues. Die gibt es fast überall in Deutschland. Ella Klein ist es gewohnt, nach Raucherrefugien Ausschau zu halten.

So sieht auch der Finanzexperte Jens Fischer die Situation. Es stört ihn nicht, dass um ihn herum etliche Nichtraucher das Verbot loben. „Wir Raucher“, sagt er, „nehmen doch jeden neuen Schlag gelassen hin.“ Dann zieht er mit seinem Koffer los, holt sich ein Päckchen Chesterfield und erklärt, er komme sich schon vor wie ein Dinosaurier. „Die Bahn ist doch noch moderat, rauchen Sie heute mal in den Räumen einer US-Investmentbank. Da werden Sie erschossen.“

Nur die Obdachlosen und die jungen Leute aus der Drogenszene scheint das Rauchverbot so richtig zu stören. Sie drängelnd sich draußen vor den Glastüren und drehen sich mit klammen Fingern ihre Kippen. „Gestern standen sie noch hier und schnippten ihre Stummel zu Boden“, sagt die Verkäuferin vom Tabakshop, „jetzt sind sie weg.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben