Berlin : Der Ruf der Straße

Wie der Weitlingkiez unter dem Nazi-Image leidet und doch nicht davon loskommt

Ariane Bemmer

Der junge Mann, der durch die leere Wohnung führt, sagt, die Nachbarn seien okay, er sagt: keine Ausländer. Vielleicht denkt er, die Interessenten wollen genau dies wissen. Schließlich ist die Wohnung in der Weitlingstraße. Schräg gegenüber ist Haus Nummer 122, das vor 16 Jahren von Neonazis besetzt war. Ingo Hasselbach, der spätere Aussteiger, war dabei, ebenso Kay Diesner, der spätere Polizistenmörder. Schwer bewaffnet patroullierten sie auf dem Hausdach, hier organisierten sie Überfälle und Aufmärsche.

Das Haus räumen war einfach, aber die Geschichte klebt an der ganzen Gegend bis heute wie Dreck. Noch immer wohnen Neonazis im Weitlingkiez, auf der Südseite vom Bahnhof Lichtenberg, auf der Nordseite hat die NPD ein Büro. Die Rechtsextremisten fühlen sich wohl dort, sie können sich frei bewegen, ihre Embleme zeigen, ihre Marken tragen. Auf der Homepage der NPD haben Bezirksverantwortliche die Formulierung „unsere Weitlingstraße“ gefunden.

In dem kleinen Park an der Straße sitzt im Schatten hoher Bäume Sito Kranke, der schon zu DDR-Zeiten hier wohnte, in Trainingsjacke und Cargohosen. Obwohl er nie Gewerbetreibender war, ist er deren Sprecher hier und redlich bemüht, etwas geradezurücken. Die Menschen kämen ja schon mit Vorurteilen in die Weitlingstraße, sagt er. Dass es aber diffamierend sei, alle Menschen hier des Rechtsextremismus zu verdächtigen. Die sagen Sätze wie: Mir ist hier noch nie was passiert. Oder: Absolute Sicherheit hat man nirgends. Sito Kranke sagt, es gebe rechtsextremes Potenzial hier, das sei unstrittig und damit müsse man sich auseinander setzen. Aber gezielt, nicht pauschal.

Die Gewerbetreibenden und Bezirksverantwortlichen kümmern sich, planen immer neue Aktionen. Bei der „Gelben Straße“ im Sommer 2005 wurde der Asphalt mit gelbem Teppich belegt, und es war ein schönes Fest, aber dann hielt ein Gewerbetreibender ein Anti-Döner-Plakat in die Luft und schon waren sie wieder alle rechts. Der Afrikarat warnte vor ein paar Wochen vor Lichtenberg, man redet über „No-go-Areas“. Neulich wurde der vietnamesische Blumenhändler in Bahnhofsnähe überfallen, und nun der Angriff auf den türkischstämmigen PDS-Politiker Giyasettin Sayan. Das ist schlimm. Auch, weil es diejenigen verschreckt, die im Weitlingkiez wohnen, weil es billig ist und doch zentral: die Normalen. Und genau die braucht es, wenn man Normalität herstellen will.

Kranke spricht von guten Kontakten zwischen deutschen und ausländischen Gewerbetreibenden, dem Dönergrill-Besitzer und dem türkischen Gemüsehändler. Die Vietnamesen hielten sich eher zurück. Trotzdem: Die wären doch längst alle weg, wenn es wirklich so schlimm wäre, sagt Kranke.

Es scheint zwei Weitlingstraßen in einer zu geben. Guckt man durch die rosafarbene Brille, sieht man eine gemütliche bunte Einkaufsstraße, hübsch sanierte Häuser, viele Läden: Modeboutiquen, Schuhgeschäfte, Buch- und Schreibwarenladen, Frisör, Apotheke, Autotuning, Musikschule, Schönheitssalon, Blumengeschäft, Weinhandel, Supermarkt, Tierbestatter. Guckt man durch die braune, sieht man die Videokamera, die seit dem Überfall am vietnamesischen Blumenladen hängt, man sieht die „deutsche Küche“, die Restaurants anbieten, und denkt an Politik, man sieht den tätowierten Glatzkopf, der mit verschränkten Armen vor dem Hooligan-Laden Ostzone steht, die als Nazitreff berüchtigte Kneipe Kiste, an deren Fenster ein Foto von Papst Benedikt XVI. hängt mit der Aufschrift: Deutscher übernimmt Polenjob. Oder: Klagt nicht, kämpft. Man sieht die Preußenfahne, die aus dem Fenster über der Bäckerei hängt. Und abends gröhlende junge Betrunkene mit kurzen Haaren.

In den Büros der Politiker und Bezirksverantwortlichen müht man sich um Kontakt zu den Menschen im Kiez, will nicht mit dem Finger auf sie zeigen und sie bezichtigen. Um die ersten vertrauensvollen Bande nicht zu zerreißen, will auch niemand namentlich genannt werden. Man bemühe sich, heißt es, die Anwohner auf rechtsextremistische Symbole aufmerksam zu machen, sie zu sensibilisieren. Das ist nicht einfach, die Menschen sind einfach, viele sind arm, sie haben ihre eigenen Sorgen. Man nähere sich in kleinen Schritten. Aber dass mal irgendwo „Nazis raus“ steht, darauf werde man, heißt es in einem Büro, noch lange warten.

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