Berlin : Der Sandmann schläft nicht

Hans Heckel und Philipp Schünemann reparieren in ihrem Laden Spielzeug. Weil so viele DDR-Modelle kamen, haben sie im Keller ein Museum eröffnet.

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Alles so schön bunt hier. Hans Heckel (rechts) und Philipp Scheunemann in ihrem Geschäft „Onkel Philipp’s Spielzeugwerkstatt“ in Prenzlauer Berg. Foto: Kleist-Heinrich
Alles so schön bunt hier. Hans Heckel (rechts) und Philipp Scheunemann in ihrem Geschäft „Onkel Philipp’s Spielzeugwerkstatt“ in...

Man sieht dem Kosmonauten einige Gebrauchsspuren an, die dunkle Schramme an der Backe und Kratzer im gelben Anzug. „Das ist Sigmund Jähn, der Typ ist eigentlich so groß“, sagt Hans Heckel und zeigt mit Daumen und Zeigefinger den Abstand von ein paar Zentimetern. Auf der Leinwand ist die Plastikfigur gut einen Meter groß. Heckel hat das Bild „Sigmund Yeah“ genannt. Dazu müsse man wissen: Sigmund Jähn war der erste deutsche Kosmonaut im Weltraum – und er kam aus der DDR. „Da konnten wir die BRD richtig auslachen“, sagt Heckel.

Das Bild ist das erste, das Hans Heckel verkauft hat. Seit einigen Wochen bietet er über seine Webseite „Glückspioniere“ Fotos alter DDR-Spielsachen an, die er auf einen Rahmen zieht. Der Sandmann, Schnatterinchen und Pittiplatsch – die „drei Superstars der DDR“, wie Heckel sie nennt – sind selbstverständlich dabei. 30 Bilder sind es inzwischen, sie kosten je nach Größe zwischen 39 und 390 Euro. Einige Drucke hängen hier, in „Onkel Philipp’s Spielzeugwerkstatt“ in Prenzlauer Berg. Onkel Philipp ist der Spielzeugrestaurator Philipp Schünemann, der seit Ende der neunziger Jahre Spielzeug repariert, verkauft, verleiht und tauscht. Zusammen mit Heckel hat er in seinem Laden ein unterirdisches DDR-Spielzeugmuseum aufgebaut.

Nachdem ihnen oberirdisch der Platz gefehlt hat, haben Schünemann und Heckel das Museum vor drei Jahren in den Keller verlegt. Etwa 5000 Objekte hat die Sammlung, schätzt Heckel. Jedem, der mit ein bisschen Zeit in den Laden kommt, zeigen sie den geheimen Eingang in die vergessene Welt. „Es gibt Leute, die sind zu Tränen gerührt“, sagt Schünemann. Viele Besucher fänden hier Spielzeug aus Kindertagen, an das sie sich nicht mehr erinnerten. Heckels Mission ist: Er holt es zurück und inszeniert es „in einem westlichen Licht“, wie er es ausdrückt. Er fotografiert das Spielzeug auf einem Leuchttisch und isoliert es damit von der Umgebung. „Ich verzaubere die Sachen in Lichtwesen“, sagt Heckel. Gleichzeitig ist jede Gebrauchsspur, jeder Riss in dem jahrzehntealten Spielzeug sichtbar.

In Onkel Philipps Laden lagern überall Spielwaren, am Boden, auf den Ablagen, an den Wänden, an der Decke. „Diese Alles-Muss-raus-Mentalität, die habe ich nicht“, sagt Schünemann. Hans Heckel greift blind nach irgendeinem Gegenstand und findet in einem Glas eine Hello-Kitty-Katze. „Schau dir das an“, sagt er und hält die Katze in die Luft. „Das ist alles berechnet, großer Kopf, kleine Beine. Die Leute finden das süß, das ist psychologische Marktführung.“ Beim DDR-Spielzeug habe noch „herzliche Marktführung“ dahintergesteckt.

Wenn man Hans Heckel fragt, wie es für ihn sei, sich als Erwachsener so viel mit Kinderspielzeug zu beschäftigen, sagt er: „Vielleicht habe ich das Erwachsensein einfach übersprungen. Man kennt das ja bei alten Omas, die wieder Kind werden, weil sie sich auf einmal wieder trauen.“ Fragt man ihn nach seinem Alter, überlegt er kurz und sagt: „35“. Aufgewachsen ist Heckel in Köpenick, als junger Erwachsener ist er nach Prenzlauer Berg gezogen, wo er heute noch lebt. Ende der neunziger Jahre stand er eines Tages vor Schünemanns Laden. Der wollte gerade zumachen. Spontan fragte Heckel, ob er im Laden mithelfen könne. Er durfte. Nach und nach tauchte immer wieder altes DDR-Spielzeug im Laden auf. „Ich konnte dann sagen: Ey Mann, det is Buratino, det is Osten“, sagt Heckel. Buratino, das ist der Pinocchio der DDR. Nach langer Arbeit haben Schünemann und Heckel das Spielzeug in Glasvitrinen auf wenige Quadratmeter in den Keller verfrachtet. Zwischen Dreirädern, Kaufläden, Spielzeugautos, Kreiseln und Puppen standen sie unter der zwei Meter hohen Decke und hatten den gleichen Gedanken: Das müsste man fotografieren.

Seitdem greift sich Heckel immer ein wenig Spielzeug heraus, fotografiert es. Mal steht ein Spielzeug alleine auf dem Leuchttisch, mal mit anderen zusammen. Die kleine gelbe Ente zum Beispiel hat er alleine fotografiert. „Schnatterinchen guckt einfach so, als wär sie besser als ein Ferrari“, sagt Heckel. Einen Sandmann hat er mit US-Bombern fotografiert, die ihm aus der Jacke fallen, als sei er gerade beim Klauen erwischt worden. Der Zapfhahn einer Tankstelle steckt in einer unsäglichen Stelle eines gelben Plastiklamms. Dort sei eben die Gussstelle gewesen, sagt Heckel. „Ich gebe zu: Ich spiele.“

Mit ein bisschen Glück gibt es zum Bild auch das Objekt selbst. In der Spielzeugwerkstatt baumelt ein Schild von der Decke: DDR Museums-Shop. Was er doppelt hat, verkauft Onkel Philipp an Erwachsene, die verträumt aus seinem Laden gehen.

„Onkel Philipp’s Spielzeugwerkstatt“, Choriner Str. 35/36, Prenzlauer Berg

www.glueckspioniere.de

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