Berlin : Der Senftenberg ruft

Berliner wedeln in der Lausitzer Skihalle. In Bad Freienwalde soll sogar eine Naturpiste entstehen

Annette Kögel

Draußen fallen die Blätter, drinnen die Temperaturen. Minus drei Grad, eine geschlossene Schneedecke, bei der Kälte sieht man den eigenen Atem. Es ist Winter, von jetzt auf gleich. Also den Liftteller zwischen die Beine nehmen und sich hochschleppen lassen. Da ist es wieder, dieses typische Schaben des Snowboards auf dem Schnee. Die Berliner haben den Skizirkus vor ihrer Haustür angenommen: die Kunstschneehalle „Snowtropolis“ in Senftenberg in der Lausitz. Und das Skikarussell rund um Berlin dreht sich weiter: In Königs Wusterhausen kann es nach dem Willen der Stadt bald mit dem Bau einer ähnlichen Anlage losgehen. In Bad Freienwalde stellt der örtliche Wintersportverein jetzt sogar eine Skipiste an einem natürlichen Hang fertig, mit Schneekanonen und Liftanlage.

Das großstadtnahe, einzigartige Mini-Skigebiet in Bad Freienwalde soll nur 35 Kilometer nordöstlich von Berlin neben der Skisprunganlage entstehen, sagt Dieter Bosse, der Vorsitzende des Wintersportvereins „WSV 1923“. „Die Strecke wird 250 Meter lang, das ist schon was“, sagt Bosse. Fast 40 Meter beträgt der Höhenunterschied, im Auslauf ist der Hang bis zu 60 Meter breit. Bosse: „Da können Sie richtig wedeln.“ Das Gefälle beträgt bis zu 40 Prozent: nur für Könner. Es gebe aber auch einen Einstieg für Anfänger; der untere Bereich sei vor allem für Snowboarder geeignet. „Auf dem gegenüberliegenden Auslaufhang wollen wir eine Skischule etablieren“, sagt Bosse. Das Projekt inklusive Kunstschneekanonen und Skilift wird mit EU-Mitteln finanziert. Die Piste soll ab Dezember beschneit werden und je nach Wetterbedingungen bis zu vier Monate in Betrieb bleiben. Der Preis für den Skipass? Bosse: „Steht noch nicht fest, er soll aber sehr erschwinglich sein.“ Am letzten Oktoberwochenende feiert der Verein schon mal die Eröffnung der neuen Sprungschanzen.

Bislang müssen sich Alpinskifahrer aus der Region noch mit Skiarenen aus der Retorte zufrieden geben – wie der 120 Kilometer von Berlin entfernten „Snowtropolis“–Halle in Senftenberg. Wie berichtet, ist eine ähnliche Anlage in Königs Wusterhausen geplant – aber das Investorenverfahren benötige seine Zeit, sagt der Pressesprecher von Königs Wusterhausen, Sven Kollmorgen. In Senftenberg sieht der 25 Millionen Euro teure Kasten aus wie eine gigantische Fabrikhalle. Aber innen fühlt sich der Besucher versetzt nach Zermatt und Oberwiesenthal, nach Obertauern und Trois Vallées. Seit März gibt es den künstlichen Wintersportzauber. „Viele Gäste kommen aus Berlin, aber auch aus Dresden und Cottbus“, sagt Thomas Knöfel von „Snowtropolis“. 200 000 Besucher müssen jedes Jahr einen Skipass kaufen, damit sich der Freizeitpark rechnet. Bislang laufe buchhalterisch alles nach Plan.

Das haben die „Snowtropolis“-Betreiber Wintersportfans wie Thomas Schicketanz zu verdanken. Der 25-jährige angehende Student der Betriebswirtschaftslehre aus Lauchhammer gehört zu den Stammkunden der Schneearena. Er besitzt eine Monatskarte, hat sein Snowboard auch bei 36 Grad im Schatten angeschnallt. Die Fahrt mit dem Tellerlift dauert länger als das Hinunterschwingen – 130 Meter ist die Piste kurz. Das Gefälle beträgt bis zu 20 Prozent. „Aber das macht trotzdem Spaß“, sagt Thomas Schicketanz, „auch, weil es hier den Sprunghügel gibt und so viele Rails zum Trickfahren.“ Erfahrene Wintersportler können in der Halle an der Technik feilen. Und sich warm machen kurz vorm Urlaub. „Während der ersten Tage muss man sich ja doch erst wieder einfahren, und der Spaß kostet hier weniger als in den Skigebieten“, sagt Knöfel. Um auch Schulklassen aus Berlin einen Tagesausflug zu ermöglichen, erarbeitet Knöfel gerade ein Reisekonzept mit der Deutschen Bahn.

Undine Müller kommt aus Berlin. Die 41-jährige Erzieherin ist aus Hohenschönhausen angereist. Auch sie wedelt vor den Wänden mit Bildern von Berggipfeln und Heißluftballons. Per Einkehrschwung kommen Gäste wie sie zum hoch gelegenen Panoramarestaurant – mit Blick auf die Piste. Auf dem Mount Senftenberg erklingen Popsongs aus den Boxen statt Alphörner. Ventilatoren pusten Frischluft hinein. Über den Kunstschnee schwingt es sich weit besser als über Gletschersulz. Nur um die teils nicht verkleideten Holzlatten am Pistenrand sollten Wintersportler einen Bogen machen.

Thilo Reismann aus dem Erzgebirge schwingt sonst am liebsten über schwarze Profipisten – aber mit seiner Firma kam er zum Betriebsausflug in die Senftenberger Skihalle. Und? „Das fetzt.“

Snowtropolis, Hörlitzer Straße 36, 01968 Senftenberg, Tel. 03573 36 37 00. Internet: www.snowtropolis.de . Von Berlin aus mit dem Regionalexpress ab Bahnhof Schöneweide und Stadtbus Senftenberg zu erreichen ( Fahrtzeit: knapp 2 Stunden). Geöffnet 10 bis 24 Uhr, mit Verleih, Ski- und Snowboardschule. Tagesticket ab 15 Euro. Schnupperkurs ab 24 Euro, Familien-Skipass für zwei Erwachsene und ein Kind ab 49 Euro erhältlich. Wintersportbekleidung inklusive Handschuhe nicht vergessen – wird bei Bedarf aber auch verliehen.

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