Der Steglitzer Kreisel : Wie sieht’s denn hier aus!?

Den Steglitzer Kreisel kennt jeder – von unten. Von oben hat man einen wunderbaren Blick. Und im Innern verstaubt alles seit vier Jahren. Das soll sich ändern. Ein Ortstermin in 119 Meter Höhe.

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Eigentlich sollten die Schadstoffe in dem 118 Meter hohen Gebäude am südlichen Ende der Schloßstraße bis Januar 2015 beseitigt sein. Aber jetzt wurde aus vergaberechtlichen Gründen die Sanierung der Geschosse ab der vierten Etage neu ausgeschrieben. Sie sollen laut Ausschreibung bis zum 22. April 2016 beendet sein.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kai-Uwe Heinrich
29.07.2014 16:33Eigentlich sollten die Schadstoffe in dem 118 Meter hohen Gebäude am südlichen Ende der Schloßstraße bis Januar 2015 beseitigt...

Im Kajak in der Bretagne kam ihm die Idee: Man müsste den alten Steglitzer Kreisel auf möglichst originelle Weise wieder zum Leben erwecken. Damals, vor einem Jahr im Sommerurlaub, rief der Dahlemer Architekt Gert Eckel den Verpackungskünstler Christo an. Ob er nicht das abgehalfterte Bürohochhaus dauerhaft verhüllen könne? Die Bitte wurde freundlich, aber abschlägig beschieden. Er habe noch Projekte für drei weitere Leben, sagte Christo. Und außerdem verhülle er nur temporär.

Also ließ sich Eckel etwas anderes einfallen und steht nun auf dem Dach des 118 Meter hohen Kreisels am Ende der Steglitzer Schlossstraße, es ist stürmisch und der Fernblick grandios. „Schauen Sie mal“, sagt Andor Poll, der neben dem Architekten an der schmalen Brüstung steht. „Heute kann man bis zu den Windrädern bei Nauen gucken.“

Andor Poll ist Chef der FT Wild Kommunikations GmbH. Mit seinem Kompagnon Matthias Kaminsky hat er aus der Alten Münze in Mitte eine „Eventlocation“ gemacht. Zwei Profis, zu deren Auftraggebern Samsung und Audi, die österreichische Tourismuswerbung, die kanadische Botschaft und das Deutsche Herzzentrum gehören. Sie suchen immer neue Aufgaben. Der Kreisel – das wäre was.

Noch braucht es viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Gäste in der 27. Etage einen Cocktail trinken und bei klarer Sicht zuschauen, wie in Schönefeld die Flugzeuge starten.

Wer jetzt ins Hochhaus will, tritt durch einen Nebeneingang ins dämmerige Foyer, durchzogen von Sperrholzverschlägen. An der Portiersloge, die seit 2007 unbesetzt ist, liegen Atemmasken für jene Räume, die asbestverseucht sind. „Wo steckt denn das Zeug?“, fragt Poll. „Überall ein bisschen“, sagt Eckel und lacht. „Aber damit haben Sie nach der Schadstoffsanierung nichts mehr zu tun.“

Der Wind heult durch den Türspalt. Links die Aufzüge, sie funktionieren wie neu, werden regelmäßig gewartet, damit die Betriebsgenehmigung nicht erlischt. Sie heben Poll und Eckel in die oberen Etagen. Das Sommerlicht, das durch die staubigen Fenster in die Flure und Zimmer dringt, ist mitleidslos. Jetzt sieht man alles: Den versifften, zerfransten Teppichboden, schief hängende Lampen und entkleidete Klimaanlagen. Frei hängende Kabel und mit Plastikkacheln verkleidete Decken.

Der Charme der siebziger Jahre, stark gealtert, gefällt den Eventmanagern irgendwie. Kaminsky schwärmt vom „Rohbaucharakter“ und originellen Sichtachsen. „Das mögen die Leute, und nicht so was langweilig schickes Neues.“ Rosa Fliesen im WC – ob die eventuell bleiben sollten? Vor vier Jahren verließ das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf den Kreisel, alle 29 Büroetagen stehen seitdem leer, nur Wegweiser und Türschilder wecken noch die archäologische Neugier. Hier ging es zur Ausbildungsstelle, dort zur Frauenvertreterin.

Vorbei an der Sprinkleranlage, deren Tank 45 Tonnen Wasser fasst. Vorbei am Aufzugsmaschinenraum. Die kupferverdrahtete Apparatur mit dem Handkurbelbetrieb für den Notfall wäre der Stolz des Technikmuseums. Dann endlich auf dem Dach, das die Veranstaltungskünstler von FT Wild in Gedanken blitzschnell zu einem 650 Quadratmeter großen Wintergarten ausbauen. Eckel klagt, dass die Finanzverwaltung immer noch glaube, die Ruine am Hermann Ehlers-Platz in öffentlicher Regie sanieren zu können, um dann ein asbestfreies Hochhausskelett für gutes Geld zu verscherbeln.

„Das klappt nie“, ruft der Architekt in die Stadtlandschaft, die sich unter ihm ausbreitet. Alle Fachleute seien sich einig, dass dieses Haus eine exklusive Vermarktungsidee brauche. Schließlich seien bisher alle interessierten Investoren wieder abgesprungen. Bis auf die renommierte Meridian-Stiftung, für die er das Projekt eines privat finanzierten „Kultur-Kraftwerks“ vorantreibt. Noch mit gedämpfter Hoffnung. Aber es wird wohl Zeit, dass etwas passiert. Auf dem Dach wächst schon Gras über den Kreisel.

Um die Zukunft des Kreisels geht es bei einer Podiumsdiskussion, zu der Die Grünen am Montag, 18 Uhr, ins Hotel Steglitz International im Kreisel einladen. Auf dem Podium sitzen neben anderen TU-Professor Harald Bodenschatz und Finanzstaatssekretär Christian Sundermann.

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