Berlin : Der "stille Aufschrei" einer neuen Sucht-Generation

Katharina Voss

Im Friedrichshain gibt es dank Leserspenden ein Projekt für JugendlicheKatharina Voss

Eine Insel im Bürokratenmeer soll sie sein, die Wohngemeinschaft "Zwischenland", die der Drogenhilfe-Verein Karuna aufgebaut hat. Wobei "Wohngemeinschaft" eigentlich das falsche Wort ist - schließlich sollen die Jugendlichen für höchstens drei Monate in der Friedrichshainer ehemaligen Fabriketage leben. "Wir wollen den zwischen 12- und 21-jährigen Jugendlichen eine Auszeit geben - die Zeit, über ein Leben ohne Drogen wie Hasch, LSD und Ecstasy nachzudenken", erklärt Birgit Kohlhofer, die Leiterin des Projektes.

"Zwischenland" richtet sich an diejenigen, für die es weder nach dem Jugendhilfegesetz noch nach den Regelungen für die Drogenhilfe die richtige Hilfe gibt. "Die Jugendhilfe versagt, wo es um Suchtprobleme geht und die Drogenhilfe ist vor allem auf Erwachsene und nicht auf Kinder ausgerichtet", schildert Kohlhofer die Hilflosigkeit der Ämter. Im September vergangenen Jahres wurde "Zwischenland" ins Leben gerufen - mit finanzieller Unterstützung des Berliner Senats und der Tagesspiegel-Leser, die für das Projekt spendeten. Nach gut einem Jahr ziehen die Mitarbeiter Bilanz: Rund 34 Jugendliche wurden in dieser Zeit betreut. Acht von ihnen konnten bereits nach dem ersten Aufenthalt weitervermittelt werden - in eine betreute Jugendwohngemeinschaft, in eine Therapie oder auch nach Hause zurück. Weitere acht Jugendliche sind ein zweites oder drittes Mal nach "Zwischenland" zurückgekommen, bevor sie weiter vermittelt wurden. Der Rest ist noch bei "Zwischenland" oder hat das Projekt verlassen.

"Es ist ganz wichtig, dass wir den Jugendlichen zeigen, dass sie immer wieder hierher können", erklärt Frau Kohlhofer. Schließlich sei Sucht eine Rückfallerkrankung. Ein "Sleep-In" sei "Zwischenland" aber nicht. "Wer nur eine Schlafmöglichkeit sucht, ist hier falsch. Wir prüfen schon genau, wen wir wieder aufnehmen."

Zur Bilanz des ersten Jahres sind Kollegen aus der Jugendarbeit zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Bei "Zwischenland", so Frau Kohlhöfer, beobachte man eine Sehnsucht nach Normalität unter den Jugendlichen. Ähnliche Erfahrungen haben auch andere Projekte gemacht. "Äußerlich sind die Jugendlichen ganz unauffällig", berichtet ein Jugendbetreuer aus Hellersdorf, "Drogen werden nicht mehr auf der Straße, sondern oft zu Hause genommen". "In den Familien gibt es auch einen größeren Freiraum als früher. Oft sehen die Eltern weg, wollen gar nicht so genau wissen, was da eigentlich passiert. Viele von ihnen sind auch einfach überfordert", schildert ein Projektarbeiter seinen Eindrücke.

Jörg Richert, Geschäftsführer von Karuna, hält es für möglich, dass es sich bei dem Drogenkonsum im Verborgenen um den "stillen Aufschrei" einer ganzen Generation handelt. "Wir brauchen unbedingt verläßliche Zahlen, um das Ausmaß des Problems einschätzen zu können", fordert er. Einen Trend zum unauffälligen Drogenkonsum bestätigt auch die Landesdrogenbeauftragte Elfriede Koller. "Der Drogenkonsum ist häufiger als früher in den Alltag eingebaut", stellt sie fest. Von einer unzureichenden Datenlage kann ihrer Meinung nach allerdings keine Rede sein: "Wir haben genug Zahlen - wer mehr will, der muss den gläsernen Patienten schaffen. Dann könnte man die Drogenkarrieren lückenlos nachvollziehen."
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