Berlin : Der Ton wird schärfer im Radiohaus

Krisensitzung in der Nalepastraße: Nach dem Verkauf der ehemaligen DDR-Rundfunkzentrale droht nun den Studios das Aus

Jens Mühling

Ob es in diesem Raum schon einmal so hoch herging? Einst wurden hier realsozialistische Hörspiele geplant, am Mittwochabend trafen sich im Sitzungssaal des DDR-Funkhauses die Akteure eines zeitgenössischen Dramas – in dessen Mittelpunkt das Funkhaus selbst steht.

Es ist ein Drama, dessen tragischer Ausgang inzwischen unabwendbar scheint. Im November war das Rundfunkgelände an die „Bau und Praktik GmbH“ aus Sachsen-Anhalt verkauft worden – einen Baumaschinenverleih ohne jede Medienkompetenz. Am Mittwoch bestellte die Bezirksverwaltung Treptow-Köpenick nun die Firma zu einer Sondersitzung auf dem Nalepa-Gelände ein: Wolf Hartmann, ein Berater des Bau-und-Praktik-Geschäftsführers Frank Thiele, sollte sein Entwicklungskonzept vorlegen. Über eine Stunde zog sich Hartmanns Präsentation hin, die die Zweifel an den Absichten des Käufers jedoch eher befeuerte als zerstreute – zumal Thiele selbst dem Treffen fern blieb. Hartmanns Konzept einer „Media & Entertainment City“ blieb nebulös, konkrete Investoren wollte der Berater nicht nennen. Immerhin präsentierte er mit Sergej Tchoban einen namhaften Architekten, der aufrichtiges Interesse an der Restaurierung des Hauses zu hegen scheint – und der dem Tagesspiegel versicherte, er habe mit Hartmann auch schon einen entsprechenden Vertrag geschlossen.

Und doch sieht es so aus, als stünden die berühmten Nalepa-Studios kurz vor dem Aus. Frank Thiele hat sich mit Weggefährten zerstritten und Mietern gekündigt – darunter auch Dienstleistern, an denen die Bewirtschaftung hängt: Objektleiter Norbert Felgner etwa, der seit 30 Jahren auf dem Gelände tätig ist und den es am Mittwoch kaum auf seinem Platz hielt: Sein Vertrag laufe aus, er habe kein Gesprächsangebot erhalten und könne für den Folgemonat nicht mal Toilettenpapier bestellen, rief Felgner in den Raum. „Dann geht hier das Licht aus, und ihr könnt eure Verträge als Klopapier benutzen“, warnte er die im Saal versammelten Mieter. Die bangen seit Wochen um ihre Existenz: Eine Mitarbeiterin der Musikproduktion Planet Roc etwa klagte, sie könne keine Bands mehr in die Studios einladen, aus Angst, dass ab Februar weder Strom noch Heizung funktionieren.

Schon die Vorgeschichte des Dramas ist verworren. Nach der Abwicklung des DDR-Rundfunks hatte das Gelände zunächst den neuen Bundesländern gehört, die jahrelang erfolglos nach einem Investor suchten. Kleinere Hörspiel- und Musikproduktionen siedelten sich in den weltweit für ihre Akustik gerühmten Studios an, auch das Filmorchester Babelsberg zog in die Nalepastraße. Doch die Mieteinnahmen decken gerade 20 Prozent der Betriebskosten: 100 000 Euro verschlingt das sanierungsbedürftige Gebäude jeden Monat. Irgendwann wurde das Landesimmobilien-Management der neuen Länder (Limsa) es leid und gab grünes Licht zum Verkauf, im November erhielt die „Bau und Praktik GmbH“ für 300 000 Euro den Zuschlag. Sofort protestierte die Berliner Wirtschaftsverwaltung, sie sei beim Kauf übergangen worden – obwohl sie jahrelang kein Interesse an dem Gelände gezeigt hatte. Um im Nachhinein den Eindruck herzustellen, man habe um das Funkhaus gekämpft, verlegte man sich darauf, den Käufer als unseriös darzustellen. Woher Thiele die zur Sanierung des Gebäudes notwendigen Millionen nehmen will, konnte auch sein Berater Hartmann nie schlüssig erklären.

Immer stärker wird nun die Befürchtung, Thiele wolle die Studios gewaltsam in die Pleite reiten, um die umliegenden Geländeteile getrennt zu verscherbeln. Nahrung gegeben hat dem vor allem die Gründung der Bau-und-Praktik-Tochter „Nalepa Projekte Gmbh“, der Thiele im November den Tonstudiokomplex übertrug. Limsa soll inzwischen gedroht haben, vom Vertrag zurückzutreten, wenn der Käufer in den nächsten Wochen keine gültigen Versorgungsverträge vorweisen kann. Zudem geht das Gerücht, Thiele habe bereits einen Vorvertrag mit einem Käufer geschlossen, der für sechs Millionen Euro den nördlichen Geländeteil erwerben wolle. Thieles Berater Hartmann gab gegenüber dem Tagesspiegel zu, dass ein derartiges Kaufangebot vorliegt. Er habe Thiele dringend davon abgeraten, „aber hindern kann ich ihn nicht“.

Am Ende der Sitzung lagen auf allen Seiten die Nerven blank. Verbalen Attacken gegen Hartmann spendeten die Mieter offen Applaus. Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) signalisierte zwar noch Gesprächsbereitschaft, konnte aber Zweifel am Investor kaum verhehlen. Hartmann selbst beschwor sämtliche Parteien, den Konflikt nicht weiter anzuheizen, da sonst Investoren abgeschreckt würden. Und lieferte mit einem Marx-Zitat den atmosphärisch passenden Schluss zur Sitzung im DDR-Rundfunksaal: „Das Kapital ist ein scheues Reh.“

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