Berlin : Der unerreichbare Bahnsteig WOLLANKSTRASSE

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Die Wollankstraße, die Pankow und Wedding miteinander verbindet, war nie ein Grenzübergang, im Gegenteil: Quer über die Straße, direkt am SBahnhof, zog sich die Mauer. Vom Osten aus sah man die Züge fahren , aber der Bahnsteig lag unerreichbar in einer anderen Welt. „Da haben sich öfter Verwandte oder Freunde verabredet – die aus dem Westen standen zu einer bestimmten Zeit oben auf dem S-Bahnhof, da durften sie ja ohne Schwierigkeiten hin, weil die Bahn zwar vom Osten betrieben, aber von Ostlern nicht betreten werden durfte. Verrückt. Und dann haben sie sich Zeichen gegeben oder zugewunken – und da hatten die Grenzposten nichts Blöderes zu tun als Tränengas einzusetzen, damit die einen die anderen nicht mehr sehen konnten.“ So erinnert sich der Ingenieur Günter Wollek an gespenstische Szenen ganz in der Nähe seiner Wohnung in der Pradelstraße. Nebenan, in der Brehmestraße, war eine Straßenseite frei, die andere nannte sich Grenzgebiet mit Abgrenzung – wenn Gäste kamen, mussten sie einen Passierschein bei sich haben, um den zu kriegen, wurden Gäste und Gastgeber „durchleuchtet“. Ansonsten „war hier früher Totentanz, da konnten die Kinder an der Mauer seelenruhig mit Murmeln spielen“. Und ebenso war es auf der anderen Seite, im Westen. Murmeln hier, Murmeln da, dazwischen Beton. Die „Molle 100“ ist die letzte Kneipe im Westen, früher lebte sie von Gruppen aus dem Bundesgebiet, heute gibt es „Tag und Nacht Billard, Kicker und Flipper“; die Leute hinterm Tresen waren Kinder, als die Mauer fiel. „Das war ein richtiges Volksfest“, sagt der Fotoreporter Gerhard Kiesling. Mit Hallo und Feuerwerk wurde jedes Mauersegment verabschiedet – und nebenan in der Brehmestraße zu Straßensplitt zermalmt. Lo.

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