Berlin : Der Wolf und die guten Sitten

Harald Wolf – der Mann des freien Halses. „Hat der denn überhaupt eine Krawatte?“, lautete eine der ersten Reaktionen auf die Nominierung des PDS-Kandidaten. Braucht er überhaupt eine? Muss sich ein Wirtschaftssenator den Hals umwickeln?

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„Wenn Gregor Gysi sich ein T-Shirt übergestreift hätte, um vor Leuten der New Economy lockerer zu erscheinen, dann hätte das vor allem anbiedernd gewirkt. Passend auf keinen Fall.“ So sieht das Peter Sevenich vom Deutschen Institut für Herrenmode. Gysi, der Krawattenträger. Und Harald Wolf, der Mann des freien Halses? Der Mann, der demnächst den ganzen Krawattenträgern aus der Wirtschaft gefallen soll – wie ist das denn bei dem? Muss der sein erstes Senatorengehalt für edle Binder rauswerfen, die er ohne den Posten bestimmt nicht gekauft hätte? „Nicht doch“, sagt Peter Sevenich, „aus modischer Sicht wäre es viel besser, ganz ohne Krawatte aufzutreten als widerwillig mit. Da käme die Persönlichkeit falsch rüber.“

Gut, aus modischer Sicht. Und aus wirtschaftlicher? Jürgen Schau, Deutschlandchef der Filmfirma Columbia Tristar, sieht das auch recht locker. „Die Zeiten der steifen Dreiteiler sind ja vorbei, eine Krawatte ist längst kein Statussymbol mehr. Elegant soll es sein, nonchalant!“ Bei den allermeisten Leuten aus der globalisierten Wirtschaft sei das gar kein Problem. Ganz billig käme der PDS-Mann aber auch ohne Schlips nicht weg: „Die italienischen Designer zeigen, wie man ohne Krawatte gut und trotzdem seriös aussehen kann“, schwärmt Schau. Er selbst hat aber auch ein paar Krawatten im Schrank – „die japanischen Bosse, die erwarten das.“ Da passt man sich mal an, ganz nonchalant.

Also doch ein bisschen was Neues für den Neuen. Schließlich gibt es auch in Deutschland noch genügend Herren, die sich nicht allein den Hals verengen wollen. Und im Senat, in dem sich Wolf nun öfter sehen lassen muss, gehört es sich ja auch, dass der Mann sich was um den Hals herumbindet. Bei Thomas Flierl sieht man das nicht so eng – da darf es auch ein Tüchlein sein. Aber der ist ja auch für die Kultur zuständig. Das sei überhaupt alles ganz selbstverständlich, sagt Michael Donnermeyer, der Senatssprecher. Für Senatoren und Staatssekretäre gäbe es eben so was wie einen Dresscode, und die Anforderungen an den „Dienstanzug“ kenne ein jeder, der in so ein Amt gerate, von ganz allein. Eine Verwaltungsvorschrift zur Arbeitskleidung gebe es nicht, man befinde sich „ganz im Trend der Deregulierung“.

Hin und wieder versenden aber auch Politiker Signale, indem sie gegen den Dresscode bewusst verstoßen. So Klaus Wowereit jüngst, als er aus dem Urlaub mal eben in Berlin vorbeiguckte, um sich zu Gysis Abgang zu äußern. Da saß er da und sprach über Senatsdinge, wie er es sonst nie ohne seinen Binder tut – und trug nur ein Polohemd. Eigentlich bin ich ja gar nicht hier, sollte es uns sagen. Mal gucken, was uns Harald Wolfs Vereidigungsanzug erzählt. dae

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