Berlin : Der Zug der Paradiesvögel

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Was für ein Schwanz! Schuppig, meergrün, imponierend. Man kann damit allerlei Schabernack treiben, beispielsweise harm- und schwanzlose Touristen anstupsen, dann machen die huch. Auch wird man als männliche Meerjungfrau unentwegt fotografiert, der Erfolg beim Christopher Street Day ist schon durchs Kostüm garantiert.

Wer sich gestern kurz vor zwölf unvorbereitet dem Kurfürstendamm näherte, konnte schon ins Grübeln geraten. So wie die offenkundig auswärtige Mutter mit Kind, die ratlos fragte, was all die seltsamen Menschen angelockt habe, Leichtmatrosen, Meerjungfrauen, in Gummihäute eingeschweißte und Ketten behängte Kraftkerle, jegliche Spezies kunterbunter Vögel.

Selbst wer den Anlass kannte, griff schon mal daneben wie die älteren Damen, die sich vor einem appetitlich kostümierten Blondchen fotografieren ließen. Mit all den Plastiktrauben im Haar, dem Grünzeug drumherum und viel nackter Haut dazwischen stach sie manche Drag Queen aus und wollte doch nur eines: Reklame machen für den Sektstand gegenüber. Pünktlich um zwölf eröffnete Bürgermeisterin Karin Schubert an der Knesebeckstraße den Zug, vorher hatte Verbraucherschutzministerin Renate Künast der Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth noch rasch den Preis für Zivilcourage überreicht, einen von vieren, den auch das Bündnis „Demokratie jetzt“ erhielt. Süssmuths Nachfolger Wolfgang Thierse durchschnitt eine Girlande in den Regenbogenfarben, erklomm dann selbst strohhutgeschützt einen der ersten Wagen.

Ein Polizeipferd an der Spitze äpfelte noch schnell, dann ging es los, eine Kolonne von 88 Wagen, die eine gut fünfstündige Fahrt quer durch die Stadt vor sich hatten, über Kurfürstendamm, Tauentzien- und Bülow- zur Potsdamer Straße, dann über die Ebertstraße zum Brandenburger Tor, weiter Richtung Siegessäule, die von den Berliner Schwulen längst als Phallussymbol gedeutet wird und am späten Nachmittag Ort der Abschlusskundgebung war, einschließlich einer Rede vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Auf seinem schwarzen T-Shirt stand auf dem Rücken „Berlin ist pleite“ – und auf der Vorderseite „Ich bin schuld“.

100 000 bis 200 000, an der Siegessäule bis zu 300 000 Teilnehmer schätzte die Polizei. Zu Beginn des großen Schaulaufens waren die Touristen noch in der Überzahl und säumten staunend die Straßenränder. Später rissen die Reihen auf, auch die Lustparade zog sich beträchtlich auseinander. Politisches Bekenntnis, Hedonismus und Kommerz waren in ihr untrennbar verschmolzen und die goldglänzenden Benson & Hedges-Boys, die West-Transen unter ihren rosa Perücken allein am Markenzeichen von den Paradiesvögeln der Nacht zu unterscheiden, die nur für eines Reklame machten: für sich selbst. Andreas Conrad

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