Berlin : Deutsch, aber nicht deutsch genug für die neue Wohnung

Wegen seiner libanesischen Herkunft bekam ein Deutscher keinen Mietvertrag für seine Wunsch-Wohnung

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Von Stefan Jacobs

Herr A. ist 34 Jahre alt und sucht eine neue Wohnung. Deshalb wandte er sich jüngst an das „Vermietungscenter Nord“ in der Brunnenstraße, das im Auftrag mehrerer Gesellschaften und Hausverwalter Wohnungen überall in Berlin vermittelt. „In fünf Schritten zur neuen Wohnung“, heißt es da: 1. Fragebogen ausfüllen, 2. Vorauswahl treffen, 3. Wohnung besichtigen, 4. Dokumente vorlegen, 5. Vertrag nach „kurzfristiger Prüfung Ihrer Unterlagen“ abschließen. Herr A. scheiterte an Punkt fünf: „Als ich in der vergangenen Woche den Vertrag für eine Zweizimmerwohnung in Wedding unterschreiben wollte, schaute die Sachbearbeiterin eine Weile verlegen in die Akte, entschuldigte sich dann und sagte mir, dass ich die Wohnung nicht haben könne, weil der Ausländeranteil in dem Bau eine bestimmte Höhe nicht überschreiten dürfe.“ Der Einwand von Herr A., dass er Deutscher sei, half nichts.

Seitdem fragt er sich nicht nur, wie er auf anderem Wege zu einer neuen Wohnung kommt, sondern auch, nach welchen Kriterien in Berlin Wohnungen vermietet werden und was einen – tatsächlichen oder vermeintlichen – Ausländer als Mieter disqualifiziert. Herr A., der als Neunjähriger nach Deutschland kam und in diesem Jahr eingebürgert wurde, spricht akzentfrei Deutsch, lebt allein, hat ein festes Einkommen und unterscheidet sich von „richtigen Deutschen“ nur durch seinen n und seinen Teint.

Der Leiter des Vermietungscenters, Wolfgang Preiß, kann die Aufregung nicht verstehen. Er wundert sich, „wie ganz normale Sachen aufgebauscht werden“ und findet es „unfair, wenn Betroffene auf die Ausländer-Schiene aufspringen“. Es gehe nicht um Diskriminierung, sondern um eine gut gemischte soziale Struktur – da sei es nun einmal so, dass nicht jeder Interessent jede Wohnung bekommen könne. So stehe es auch auf den Merkblättern. Preiß illustriert die Problematik mit zwei Beispielen. So hätten „manche älteren Mieter schon Schwierigkeiten mit jungen Leuten, weil die sich nicht die Füße abtreten“, und „auch Kurden und Türken bekriegen sich ja auf den Straßen – auch wenn sie einen deutschen Pass haben“. Woran Inhaber deutscher Pässe als „Ausländer“ identifiziert werden, will er nicht sagen. Im Übrigen richte man sich bei der Mietersuche nach Vorgaben der Auftraggeber, also der Wohnungsgesellschaften. Normalerweise werde vorab geprüft, ob der Interessent die Wohnung haben könne. Insofern beruhe die späte Absage an Herrn A. wohl auf einem irrtümlich herausgegebenen Angebot.

Eigentümerin der Wohnung in der Dubliner Straße ist die Gesellschaft Degewo. Deren Sprecher Manfred Schörnick bedauert den Vorfall: „Das ist dumm gelaufen; man hätte dem Kunden gleich Alternativen anbieten sollen, zumal es für die Wohnung noch andere Interessenten gibt.“ Es gebe keine „Ausländerquoten“, aber die Entscheidung gegen Herrn A. dürfte im konkreten Fall korrekt gewesen sein, weil man großen Wert auf die „Durchmischung“ lege und das betreffende Viertel eine „besonders sensible Region“ sei, so dass am Ende vielleicht weder den alten Mietern noch dem neuen geholfen wäre.

Ähnliches ist von anderen Wohnungsbaugesellschaften zu hören: Die Bearbeiter in den Kundenzentren müssten anhand ihrer Erfahrung beurteilen, ob ein neuer Mieter ins Haus passe oder nicht. Entscheidend sei der persönliche Eindruck beim Beratungsgespräch. Da hätten es manche eben etwas schwerer. Choleriker beispielsweise. Und Dunkelhaarige mit exotischem Namen? Nein, sagt Andreas Moegelin, Sprecher der Gesellschaft GSW. „Das ist keine Ausländerproblematik.“ Auch er versichert, dass es „keine Quoten oder dergleichen“ gebe.

Dagegen hatte vor zwei Jahren die Gesellschaft Stadt und Land begonnen, in einigen Vierteln nur noch 50 Prozent ihrer Wohnungen an Interessenten nichtdeutscher Herkunft zu vermieten. Auch das Abgeordnetenhaus hatte Anfang 2000 eine „Steuerung des Zuzugs“ in den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften beschlossen.

Herr A. sucht weiter nach einer Bleibe und hofft, dass ihm dabei weitere Überraschungen erspart bleiben.

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