Berlin : Deutsche U-Bootfahrer: Zusammenrücken ist für sie das Alltagsgeschäft

Ingo Bach

Natürlich hat er "Das Boot" gesehen, jenen 1981 gedrehten Kriegsfilm über die "U-Boot-Waffe" im Zweiten Weltkrieg. Und fand ihn nicht gut: "Die sind von einer Action-Szene in die andere geraten. Mit der Realität hat das nichts zu tun." Horst Böttcher hat von 1941 bis 1944 als U-Boot-Fahrer in der deutschen Kriegsmarine gedient. Fünf Mal war der heute 77-Jährige in dieser Zeit auf Feindfahrt, insgesamt fast 365 Tage auf See. "Manchmal passierte da wochenlang gar nichts." Böttcher ist Mitglied im "Verband Deutscher U-Boot-Fahrer", dessen Mitglieder jetzt zu seinem 19. Nationalen Treffen in Berlin zusammen kamen. Trotzdem sei "Das Boot" das Beste, was der deutsche Film zu diesem Thema zu bieten habe. Die Atmosphäre an Bord, die habe der Regisseur Wolfgang Petersen gut getroffen: die klaustrophobische Enge im schmalen Bootskörper, den Schmutz und die stickige Luft, die angespannt konzentrierte Stimmung der Besatzung und die ständige Todesdrohung.

Die meisten der knapp 200 im Hotel Hamburg versammelten ehemaligen und aktiven U-Boot-Fahrer könnten ähnliche Geschichten erzählen. Eng gedrängt sitzen sie gemeinsam an den Tischen und erzählen ihre meerwassergetränkten Lebensgeschichten. Enge ist für diese Seemänner kein Problem, daran sind sie gewöhnt. Die 24 U-Boote, die die heutige Deutsche Marine besitzt, sind 54 Meter lang und 4,5 Meter breit - nicht viel Platz, um sich aus dem Wege zu gehen. "Je zwei Matrosen teilen sich eine Koje", sagt Fregattenkapitän Siegfried Schneider. Hat der eine Dienst, kann der andere schlafen. Nur ein enger Waschraum mit Dusche und Toilette steht für die 27 Mann Besatzung zur Verfügung. Schneider: "Man muss vorher wissen, was man vorhat und dann entsprechend vorwärts oder rückwärts in den Raum gehen. Drehen fällt da schwer." Der Fregattenkapitän hat selbst sieben Jahre lang ein U-Boot kommandiert, bevor er vor wenigen Wochen als stellvertretender Kommandeur der deutschen U-Boot-Flotille an den Schreibtisch wechselte. Die ständige Nähe ohne Intimsphäre schweißt zusammen: "Wir sind eine geschlossene Gruppe, etwas Besonderes", sagt Schneider - und beeilt sich zu versichern: "Aber nichts Elitäres."

Wohl deshalb bleiben die Kontakte unter den U-Boot-Fahrern ein Leben lang bestehen. Inzwischen veranstalten sie sogar regelmäßige Treffen mit den ehemaligen Feinden: Franzosen, Briten, Amerikanern ... Im Mai war man bei den russischen Kollegen in St. Petersburg. Natürlich beschäftigt die U-Boot-Fahrer das Schicksal ihrer Kameraden an Bord der untergegangenen "Kursk". Wohl nur sie können wirklich verstehen, was die Männer dort unten in ihren letzten Stunden gefühlt haben. "Panik gab es sicher nicht", meint Veteran Horst Böttcher. "U-Boot-Fahrer sind darauf trainiert, auch in aussichtslosen Situationen ruhig zu bleiben." Wohl nur mit diesem Drill brachte es einer der russischen Offiziere fertig, einen Abschiedsbrief zu verfassen.

"Einem modernen deutschen U-Boot kann so etwas nicht passieren", versichert Fregattenkapitän Schneider. Der Druckkörper bestehe aus vier Zellen, selbst wenn drei voll Wasser laufen, könne das Boot an der Wasseroberfläche gehalten werden. Die Philosophie der deutschen U-Boot-Kommandanten sei eine andere, als die ihrer russischen Kollegen. "Wir bringen unsere havarierten Boote zur Rettung immer an die Oberfläche. Bei den russischen Booten von der Größe der Kursk ist das nicht möglich." Das russische Atom-U-Boot ist vier Mal so lang, wie die derzeit im Dienst der Deutschen Marine stehenden Bootstypen und verdrängt mit 18 000 Tonnen 36 Mal mehr Wasser. Solche Kaliber zieht es bei Beschädigungen schnell in die Tiefe.

Auch Horst Böttcher hat dem Tod oft in die Augen geblickt. Die U-618 war sein Boot, 54 Mann Besatzung, Aufgabe: Versenkung feindlicher Kriegs- und Versorgungsschiffe im Atlantik. Böttchers längste Feindfahrt dauerte 14 Wochen am Stück und führte ihn bis über den Äquator. "Fünf Schiffe haben wir versenkt und zwei Fernbomber abgeschossen."

Wie die meisten Soldaten der Wehrmacht fühlt auch Böttcher einen starken Rechtfertigungsdruck. "Es waren ja nicht die Soldaten, die den Krieg gemacht haben, sondern die Politiker. Und für Deutschland ging es damals um Leben und Tod." Es gibt jenen berüchtigten Befehl vom Chef der deutschen U-Boote, Karl Dönitz, aus dem Jahr 1942, in dem er allen U-Boot-Kommandanten verbot, Angehörige versenkter Schiffe zu retten: "Rettung widerspricht den primitivsten Forderungen der Kriegsführung." Und schließlich machte ihn Hitler im April 1945 sogar zu seinem Nachfolger. Oft genug hatte Dönitz dem "Führer" seine Bewunderung und Treue versichert.

Das ändert nichts an der Wertschätzung, die Dönitz unter den deutschen U-Boot-Veteranen genießt. "Zu Hause hängt immer noch ein Bild von ihm an der Wand", sagt Horst Böttcher. "Für uns alle war er der Vater Dönitz." Doch nicht alle im U-Bootfahrer-Verband teilen diese Bewunderung für Dönitz. Besonders diejenigen Mitglieder, die nach dem Krieg auf deutschen U-Booten fuhren, versuchen, das Bild von Dönitz im Verband geradezurücken. "Noch 1945 hat er mit Durchhalteparolen Jugendliche in den sicheren Tod getrieben", sagt ein hochrangiger Offizier. "Er gehört zwar zur Geschichte der deutschen Marine, aber nicht zu ihrer Traditionslinie."

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