Berlin : „Deutschland fehlt die Liebe“

Der Schauspieler Mehmet Kurtulus über die Kunst, hier eine Heimat zu finden

Barbara Bückmann

Der erste Tag im Kindergarten in Salzgitter: Mehmet kam nach Hause und beklagte sich, die Kinder hätten ihn nicht verstanden, obwohl er die ganze Zeit mit ihnen geredet habe. Nur: Er sprach türkisch, die anderen deutsch. „Da habe ich kapiert: Ich muss die Sprache lernen.“ Eine Erkenntnis, die für Mehmet Kurtulus der erste Schritt zur Karriere war.

Noch einmal ist der in Berlin lebende Darsteller in „Eine Liebe in Saigon“ zu sehen; den zweiten Teil strahlt Sat1 heute um 20.15 Uhr aus. Er spielt einen vietnamesisch-amerikanischen Minensucher, der sich in eine deutsche Ärztin verliebt. Seit den Dreharbeiten sind er und Hauptdarstellerin Désirée Nosbusch ein Paar. Gedreht wurde in Südafrika. Um seine Figur zu verstehen, reiste der 33-Jährige durch Vietnam und lernte die Sprache.

Pragmatisch geht er an seinen Beruf heran, eher so etwas wie souveräne Gelassenheit vermittelt er als Gesprächspartner. Auch wenn der Schauspieler gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen ist und sich nun etwas zerknittert in einen Sessel im Foyer des Ritz-Carlton drückt. Ohne Vorurteile an Fremdes, Neues heranzugehen, habe ihm sein Vater, ein Lehrer, vermittelt, sagt er. „Er ist Kosmopolit.“ Als Mehmet zwei Jahre alt war, zog die Familie aus dem türkischen Usak nach Salzgitter. In der Schule fühlte er sich nie als Außenseiter, eine Ausländer-Clique gab es dort nicht, sagt er.

Warum driften nun die Kinder der dritten Einwanderergeneration ab? Den Problem-Kids fehle etwas, vermutet er. „Die sind verwirrt, fühlen sich nicht zugehörig.“ Er gehört wie Fatih Akin zur zweiten Einwanderergeneration. In dessen erstem Film „Kurz und schmerzlos“ gab er 1998 sein Kinodebüt. Als ernster Gabriel, der sich aus dem kleinkriminellen Multikulti-Milieu Hamburg-Altonas befreien will. Der Film spiegelt die Identitätsproblematik der Deutsch-Türken, die Akin in „Gegen die Wand“ noch radikaler darstellte. Kurtulus spielte darin einen Barbesitzer und hat den Film mitproduziert.

Der Filmstart von Detlev Bucks krasser Milieustudie „Knallhart“ fiel nun fast mit dem SOS-Ruf aus der Neuköllner Rütli-Schule zusammen, wo die Lehrer vor der Gewalttätigkeit und Ignoranz ihrer Schüler kapitulierten. Kurtulus wohnt in Wilmersdorf, kennt aber viele Leute in Kreuzberg und Neukölln. Er versuche, zu vermitteln, einzuordnen, sagt er. Das türkische Wort für Jugendlicher „delikanli“ bedeute nun einmal so viel wie „verrücktes Blut“. Das erkläre sich doch von selber. Zugleich mangele es der deutschen Gesellschaft an Werten wie Familiensinn, Religion, Liebe. „Vielleicht wissen sie nicht, in was sie sich integrieren sollen.“

Nach dem Abitur arbeitete Mehmet Kurtulus als Regieassistent und lernte dabei Evelyn Hamann kennen. Sie schickte ihn zur ihrer Schauspiellehrerin Anne Marks Rocke und verschaffte ihm erste kleine Rollen. Leicht war es nicht, den Beruf gegen die Erwartungen der Familie und in einer fremden Gesellschaft durchzusetzen. „Wenn ein Türke studiert, dann Medizin oder Maschinenbau. Die Eltern sagen, du musst was Vernünftiges gelernt haben, wenn wir zurückgehen – das war der Tenor in den Neunzigern.“

In seinem Herkunftsland ist er bekannt. Er übernahm die Hauptrolle in dem Kinofilm „Abdül Hamid“, ein Kostümschinken über den Untergang des Osmanischen Reiches. Ältere Türken sprechen ihn hierzulande darauf an, Jüngere kennen ihn aus „Kurz und schmerzlos“. Sein Beruf hat ihn übrigens unlängst aus einer unangenehmen Situation gerettet, in der er sich zum ersten Mal diskriminiert fühlte. Er hatte in Hamburg gerade ein Geschäft verlassen, als es auf der Straße einen Aufruhr gab. Er rief per Handy einen Freund an, als ein Polizist ihm auf die Schulter tippte. „Auflegen, mitkommen.“ Mehmet Kurtulus sollte sich an ein Auto stellen. Da kam ein Bekannter vorbei und habe gerufen: „Ey, was willst du von dem, der ist doch Schauspieler.“

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