Deutschland - Serbien : Gefiebert, geflucht – und gefeiert

Bei den deutschen Fans machte sich nach der WM-Niederlage Enttäuschung breit. Umso lauter bejubelten dagegen die Serben auf dem Kurfürstendamm ihren Sieg.

R. W. During, C. Spangenberg, S. Gennies, J. Rothenburg
Am Ende jubelten die Serben, nicht nur an der Gedächtniskirche – und viele deutsche Fans feierten mit. Es ist ja noch alles drin.
Am Ende jubelten die Serben, nicht nur an der Gedächtniskirche – und viele deutsche Fans feierten mit. Es ist ja noch alles drin.Foto: ddp

Lautstark gefeiert wurde am Kurfürstendamm – von den Serben. Minuten nach Spielende kurvten am Freitagnachmittag die ersten hupenden Autos durch die West-City, eine Viertelstunde später waren Breitscheidplatz und Boulevard fest in der Hand der Berliner Serben. Zwischen Uhlandstraße und Augsburger Straße fuhren die Fans immer im Kreis, Motorhauben mit serbischen Flaggen geschmückt, die Hupe fest gedrückt. Mehrere hundert Polizisten versuchten das Chaos zu kanalisieren, mehr oder weniger vergeblich. Busse und einige nicht- serbische Autos standen im Stau. Vor der Gedächtniskirche tanzten friedlich junge Männer und Frauen im Kreis, eingehüllt in der serbischen Nationalflagge.

Enttäuschung herrschte dagegen überall dort, wo sich Fans der deutschen Mannschaft zum Public Viewing eingefunden hatten. Die ersten der rund 40 000 Fußballfreunde, die sich auf der Fanmeile am Olympiastadion versammelt hatten, gingen frustriert schon in der Halbzeit. Danach wurde die deutsche Fahne nur noch vereinzelt geschwenkt. Kam bis zum Elfmeter für Deutschland noch Stimmung auf, dominierten nach dem verpatzten Strafstoß Fassungslosigkeit und bei manchem Verzweiflung.

Das bekamen auch die Händler am Olympiastadion zu spüren. Fanartikel waren kaum gefragt, vielen Besuchern war auch der Appetit auf Currywurst, Crêpes oder Chinapfanne vergangen. Schlangen gab es lediglich an den Bierständen – etliche Fans versuchten, ihren Kummer zu ertränken. Zum Ende des Spiels hin saßen manche enttäuscht auf dem Boden. Beim Abmarsch, der lange vor dem Schlusspfiff einsetzte, gab es doch noch Jubel. Im schwarz-rot-goldenen Trauerzug der Deutschland-Fans zum S-Bahnhof schwenkte eine kleine Gruppe drei serbische Fahnen.

Auch am Bundespressestrand, wo Fans dicht an dicht nebeneinander im Sand saßen, kippte die Stimmung mit Kloses Roter Karte. Auf die nicht zitierfähigen Zwischenrufe, die dem Schiedsrichter und dessen Mutter galten, folgte die betretene Stille, als Serbien in Führung ging. Nur vereinzelt schallten noch die nervtötenden Vuvuzelas über die Strandbar. Die Enttäuschung war groß. Statt auf der Straße zu feiern, schleppten sich die Zuschauer nach Abpfiff lustlos in Richtung S-Bahn. „Wie wollen wir denn Weltmeister werden? Die verlieren ja sogar gegen Serbien“, sagte ein Mann im Vorbeigehen. Seine Flagge hatte er zusammengerollt.

Auch vor dem Anpfiff des Spiels war es still in der Stadt gewesen – ungewöhnlich still. Am Potsdamer Platz waren nur wenige Fußgänger unterwegs, in den Arcaden standen aber viele vor den Fernsehern. Die Verkäuferinnen einer Bäckerei – mit schwarz-rot-goldenen Perücken – wollten gerne Fußball schauen, mussten aber, wie alle anderen Verkäufer rund um das Einkaufszentrum, weiter arbeiten.

Die plötzliche Stille in der WM-Arena am „Box at the Beach“ in Tiergarten durchpflügte der Jubel von zwei Gruppen serbischer Fans. Die vielen hundert Deutschen im Sand der 7000 Quadratmeter großen Strandbar an der Spree wollten nicht so ganz glauben, was da gerade passierte. Victoria Unger und Freund Hannes hatten sich extra freigenommen und waren aus dem Süden Brandenburgs nach Berlin gekommen, um den deutschen Sieg und danach den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Radivoje Zimmermann aus Neukölln strahlte dagegen. Der 19-Jährige kam mit 40 serbischen Freunden. Sein Kumpel hatte sich vom Arzt ein Attest geholt, um das Spiel gucken zu können. „Wenn Serbien nicht weiterkommt, sind wir auch für Deutschland“, sagten Radivoje und sein Kumpel und legten mit den anderen serbischen Fans jubelnd die Straße vor der Strandbar lahm.

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