Berlin : DFB-Pokal: Erst frühstücken, dann entscheiden

Karsten Doneck

Der Tag verlief hektisch. Um acht Uhr morgens hatte Heiner Bertram, der Präsident des Fußball-Regionalligisten 1. FC Union, seine Gefolgsleute zusammengetrommelt. In großer Runde wurde in der Geschäftsstelle in der Hämmerlingstraße beraten, wie Unmögliches möglich gemacht werden könnte. Draußen vor der Tür hatte der Winter noch einmal ein deutliches Zeichen hinterlassen. Die Sportplätze in der Wuhlheide waren zugeschneit, der am frühen Vormittag einsetzende Regen legte eine dünne Eisschicht darüber. Keine Chance also, um heute, wie vorgesehen, im Stadion an der Alten Försterei das Halbfinale im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach anzusetzen. Keine Chance? "Wenn uns jetzt nicht noch kräftige Regengüsse einen Strich durch die Rechnung machen, dann kann gespielt werden", verkündete Bertram gestern am frühen Abend stolz. Das letzte Wort hat der Schiedsrichter: Helmut Fleischer (Ulm) wird heute um 10 Uhr den Platz im Stadion gründlich inspizieren und dann - gewiss mit feucht-schmutzigen Schuhen an den Füßen - seine Entscheidung verkünden.

"An Fußball ist derzeit nicht zu denken", hatte Heiner Bertram noch gegen Mittag gemutmaßt und sich bitter darüber beklagt, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bei einer telefonischen Anfrage Unions keinerlei Bereitschaft signalisierte, schon am Tage vor dem Spiel eine Platzkommission zu schicken, die sich selbst ein Bild von den Platzverhältnissen macht und eine frühzeitige Entscheidung fällt - so oder so. Auch dass Referee Fleischer mit seinen Kollegen heute erst um 10 Uhr erscheinen wird, sorgte für Unmut. Bertram nörgelte: "Die Herren frühstücken erst noch, dann entscheiden sie." Ein Spielausfall war eigentlich schon beschlossene Sache.

Doch so schnell wollte der Verein nicht kapitulieren, wohlwissend auch, dass heute zur Anstoßzeit um 20.30 Uhr nicht nur 18 100 Zuschauer im ausverkauften Stadion, sondern auch ein paar Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten bei der Liveübertragung in der ARD auf den 1. FC Union blicken. Zwei elementare Dinge unternahm Union zur Rettung der Partie: Zunächst klapperten Vereinsvertreter in Berlin und Umgebung die Baumärkte ab und kauften in großen Mengen Schneeschieber und Schubkarren ein, dann riefen sie über den Rundfunk die Fans dazu auf, doch bitteschön zum Großreinemachen in der Wuhlheide vorbeizukommen. Eine Aktion, so recht nach dem Geschmack des Union-Anhangs, der mal wieder den Beweis seiner weit über das Normalmaß hinausreichenden Zuneigung zu dem Klub antreten konnte. Und sich deshalb nicht lange bitten ließ. Von 15 Uhr an legten 150 Freiwillige Hand an, um den Platz schnee- und eisfrei zu bekommen. Nach drei Stunden harter Arbeit lag der Stadionrasen wieder in Naturgrün da.

Und Heiner Bertram, der Präsident, war gerührt über derlei Hilfsbereitschaft. Er versprach all den Helfern, die nicht im Besitz einer Dauerkarte sind, für das nächste Regionalliga-Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig am 17. Februar Freikarten. Und die anderen werden auch belohnt. "Mal sehen, was wir machen", sagte Bertram, "denen spendieren wir vielleicht Bier und Würstchen."

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