Berlin : DFB-Pokalendspiel: Lizenz zum Wuchern

Lars von Törne

An diesem Sonnabend werden rund 73 000 Fußballfans beim Pokalfinale zwischen dem 1. FC Union und Schalke 04 im Olympiastadion mitfiebern, darunter Zehntausende Anhänger des Berliner Zweitliga-Aufsteigers. Weit mehr Fans der "Eisernen" aus Köpenick werden das Match jedoch nur am Fernsehschirm oder in der Kneipe erleben können. Denn das Endspiel war schon ausverkauft, bevor die Finalteilnehmer feststanden. Viele Union-Anhänger gingen leer aus - es sei denn, sie waren bereit, für ein Ticket ein Vielfaches des ursprünglichen Preises hinzulegen. Auf dem Schwarzmarkt und bei offiziell lizenzierten Weiterverkäufern sind immer noch Tickets zu bekommen.

Ein Teil der vom Deutschen Fußball-Bund und den Vereinen nach einem festgelegten Schlüssel verteilten Karten ging zum Ärger der Fans an Zwischenverkäufer. Manche davon sind klassische Schwarzhändler, die die Tickets im Internet oder vor dem Stadion verhökern. Andere haben als Reiseveranstalter die Lizenz zum Weiterverkauf. Bei Sportreisen "Voss und Votava" in Hamm sind auch wenige Tage vor dem Spiel noch Karten zu erhalten - zu einem Vielfachen des Ursprungspreises. So kosten neun Tickets mit dem Originalpreis von insgesamt 450 Mark jetzt 1800 Mark. Die Firma inseriert im "Kicker". Auf Nachfrage, wo denn die Karten herkämen, heißt es: "Wir kaufen die von Fans, die sie nicht brauchen."

Für DFB-Sprecher Michael Novak sind Unternehmen, die Karten zu überhöhten Preisen weiterverkaufen, die "Schwarzen Schafe" der Fußballwelt. Allerdings sei an diesem Wochenende die Hoffnung der Händler auf einen Reibach vor dem Olympiastadion gedämpft worden. Da beim Umbau der Arena 3000 Sitzplätze mehr installiert wurden als geplant, haben die Veranstalter noch einmal ebenso viele Karten mehr an Nachrücker auf Wartelisten verteilt. Angesichts der 200 000 Fans, die eine Karte wollten, dürfte der Schwarzmarkt dennoch florieren.

Der DFB versucht seit langem gemeinsam mit den Vereinen, durch einen strikten Verteilschlüssel den illegalen Handel einzudämmen, sagt DFB-Sprecher Novak (siehe Kasten). Dennoch lasse sich der Schwarzhandel "natürlich nie völlig ausschließen".

Woher die vor dem Spiel noch erhältlichen Karten im Einzelnen kommen, lässt sich nur mutmaßen. Die Grenzen zwischen illegalem und legalem Handel sind fließend, wie Michael Novak erklärt. "Wenn jemand ein Ticket für 50 Mark kauft, aus irgendeinem Grund nicht zum Spiel kann und die Karte für 200 Mark wieder verkauft, dann ist das der Anfang vom Schwarzmarkt." Der DFB fordert die Sicherheitsbehörden auf, "entschieden gegen so etwas vorzugehen."

Ob es darüber hinaus undichte Stellen zwischen offiziellen Ticketverteilern und Schwarzhändlern gibt, lässt sich nur mutmaßen. Nach Aussagen eines Kenners der Szene "haben viele Schwarzhändler sehr gute Kontakte zu den Clubs". Der junge Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, hat sich mit dem illegalen Tickethandel im Kölner Raum ein Zubrot zu seinem Jura-Studium verdient. "Die Vereine und Vorverkaufsstellen legen einem einen Packen Karten zurück und werden dafür geschmiert", erzählt er. "Man legt einfach einen Zehner auf jede Karte drauf, und dann flutscht es." Manche Schwarzhändler hätten so gute Kontakte, "die ziehen pro Spiel gleich ein paar Tausend Karten ab."

Allerdings seien die Kontrollen schärfer geworden. "Vor vielen Stadien steht man heute nur noch fünf Minuten - dann kommt sofort die Kripo und kassiert dich ein." Doch das Risiko lohne sich. Ein Bekannter habe bei der WM 1998 in sechs Wochen 80 000 Mark gemacht."

Union-Geschäftsstellenleiter Apelt kennt solche Geschichten. "Da die Gewinnmarge groß ist, erliegen viele der Versuchung". Für seinen Verein und auch für Schalke könne er sich eine Zusammenarbeit mit Schwarzhändlern allerdings nicht vorstellen. Wer am Sonnabend noch eine Karte bekommen möchte, sollte den Tipp befolgen, den ein Schwarzmarkt-Kunde gibt: "Zehn Minuten vor Spielbeginn verlieren die Händler vor dem Stadion ihre Nerven und werfen einem die Tickets zum regulären Preis hinterher."

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