Berlin : Die Angst vor dem Weitermachen (Kommentar)

Lorenz Maroldt

Der gescheiterte SPD-Spitzenkandidat Walter Momper hat seinem Landesvorsitzenden Strieder geschrieben. Das, immerhin, ist eine gesicherte Nachricht, denn dieser Brief liegt vor. Was Momper sagen will, ist indes unklar. Für Führungsaufgaben stehe er nicht zur Verfügung, schreibt Momper, aber er wolle daran arbeiten, die Ziele der SPD zu formulieren und durchzusetzen - an dem Platz, "an den mich die Partei stellt". Wie bei Lafontaine klingt das nicht, eher wie ein Schrei nach Liebe, vorgetragen in kämpferischer Demut. An Lafontaines Abgang erinnert nur der Ausbruch der Gefühle. Darunter leidet die Analyse.

Momper schreibt, er wolle die Meinungsbildung nicht jenen überlassen, "die fortfahren wollen, als sei nichts geschehen." Aber wenn den verschreckten Sozialdemokraten in diesen Tagen etwas anzusehen ist, dann doch die Angst davor, einfach weiterzumachen, nicht der Wille. Mit Besorgnis, so Momper, betrachte er, dass die Weichen für die Fortsetzung der Koalition gestellt würden - ohne Verweis auf Perspektiven und Alternativen. Er selbst fühle sich den Hoffnungen und Erwartungen der Mitglieder, die ihn gewählt haben, weiterhin verpflichtet. Schreibt man dann aber einen Brief, der nach Abschied klingt, noch bevor die Diskussion über den weiteren Weg überhaupt begonnen hat? Man kapituliert nicht vor einem Gegner, von dem man nicht einmal weiß, ob er überhaupt in den Kampf zieht.

Mompers Brief ist in erster Linie eine Attacke auf den Fraktionsvorsitzenden Klaus Böger, der ihm im Kampf um die Spitzenkandidatur unterlegen war. Böger trumpft auf in der Niederlage, die nicht seine gewesen sein soll. Das empört Momper. Seine Antwort: Acht Jahre lang wurde alles falsch gemacht. Der Brief besiegelt zugleich die Auflösung der Viererspitze und dokumentiert, dass die Berliner SPD keine Führung mehr hat. Das Schreiben ist, drittens, eine Drohung: So wie Momper denkt nicht nur Momper. Wer etwas anderes will, muss stark sein.

Was aber will Momper? Abschied nehmen? Innerparteilicher Oppositionsführer werden? Das Ende der Großen Koalition? Oder doch deren Fortsetzung, nicht als Wiederauflage, sondern als Neuanfang? "Wir müssen unsere stärksten Persönlichkeiten in den Senat entsenden", schreibt Momper. Ein seltsamer Satz. Die Berliner SPD hat nämlich keine starken Persönlichkeiten. Jedenfalls dann nicht, wenn Momper Recht hat.

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