Berlin : Die Berlin-Rolle

Sowjetsoldaten, Mauerbau und Knautschke im Zoo: Was die Hobbyfilmer beim „Home Movie Day“ aus ihren Archiven kramten

Sebastian Leber

In den Sechzigern gab’s im Berliner Zoo noch keine Pandas und um die Eisbären keinen Trubel. Der unumstrittene Star war Flusspferd Knautschke – und Günter Hagemann hat ihn gefilmt. Minutenlang, auf Doppel-8. Viel bewegt hat sich Knautschke damals zwar nicht in seinem Gehege, aber ein spannendes historisches Dokument ist die Filmrolle trotzdem.

Am gestrigen Sonnabend waren alle Berliner aufgerufen, ihre alten, selbst gedrehten Schmalfilme in den Formaten Super-8, Doppel-8 und 16 mm ins Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz zu bringen. Und sie dann im Rahmen des weltweiten „Home Movie Day“ vor Publikum zu zeigen. So wie der 70-jährige Günter Hagemann. Sein Projektor ist kaputt. Deshalb konnte Hagemann auch vorher nicht sagen, wen oder was außer Knautschke die anderen Besucher des Filmmuseums noch auf seinen Rollen zu sehen bekommen würden. „Aber ich habe eigentlich nie peinliche Sachen gefilmt“, sagt er. „Zumindest erinnere ich mich nicht daran.“

Den Aktionstag gibt es seit 2003, inzwischen beteiligen sich 40 Städte von Buenos Aires bis Tokio, gestern war erstmals Berlin dabei. Mit dem Aktionstag wollten amerikanische Filmarchivare sich für „ein bedrohtes Kulturerbe“ einsetzen. Schmalfilmmaterial kann nämlich mit den Jahren austrocknen, sich zusammenziehen, Wellen schlagen. Deshalb mussten die vorbeigebrachten Rollen gestern erst einmal drei Stunden gesichtet werden, beschädigte Schnittstellen wurden neu geklebt. Schon am frühen Nachmittag hatten 30 Berliner Filme eingereicht, manche hatten ihre eigenen Aufnahmen jahrzehntelang nicht gesehen – sie aber dafür ordnungsgemäß beschriftet: Bernd Kiesewetter etwa wollte den „Home Movie Day“ nutzen, den Besuchern alte Ost-Berlin-Bilder aus den Siebzigern zu zeigen. Mit stramm stehenden Sowjetsoldaten in der Friedrichstraße etwa. Und sein Sitznachbar Mirko Reinhardt wollte Szenen aus Prenzlauer Berg der Achtziger zeigen. „Nichts Spannendes, nur Alltagsleben in der Kuglerstraße.“ Da hat er damals gewohnt. Trotzdem könne das Material lehrreich sein – für alle, die den Sozialismus nicht erlebt haben. „Allein, wie wenige Autos dort in der Straße standen.“ Reinhardt war mit seinen 40 Jahren gestern einer der Jüngsten, die Filme vorbeibrachten. „Logisch, Schmalfilme sind ja schon längst aus der Mode“, sagt Günter Hagemann ein bisschen betrübt. „Früher organisierte man sich in Vereinen.“ Er selbst war in den Sechzigern Mitglied in einem „Schmalfilmklub“, da hat er gelernt, wie man die Aufnahmen nachher vertont. Dazu hat man seitlich an die Filmspur einfach eine separate Tonspur geklebt. Das startende Flugzeug hat er mit dem Staubsauger imitiert, für das Hufgetrappel von Pferden im Wald hat er zu Hause Kokosnussschalen auf Mehl gestampft. „Vor allem hat man gelernt, sich von überflüssigem Material zu trennen und gnadenlos zu schneiden.“ Nur so werde ein Film sehenswert.

Offensichtlich hatten gestern nicht alle Teilnehmer einen Schmalfilmklub-Hintergrund. Einer brachte gleich mehrere Rollen mit, insgesamt 50 Minuten Italienurlaub waren darauf festgehalten. Aber zur Not, sagte er, müsse man auch nicht das ganze Material anschauen. Sebastian Leber

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