Berlin : Die Berliner Luft ist nicht rein

In der Stadt riecht es jetzt an vielen Stellen unangenehm. Der Regen hat Blätter und Dreck in die Kanalisation gespült – dort fault vieles vor sich hin

Annette Kögel

Es liegt was in der Luft. Mal ist es ein säuerlich, fauliger Geruch, mal stinkt es nach Fäkalien, manchmal einfach nur unangenehm muffig. „Die Schauer haben den Dreck von der Straße in die Kanalisation gespült, da konzentriert sich das“, sagt Eike Krüger, ein Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Vor allem in Gegenden mit wenigen Privathaushalten und unregelmäßigem Wasserverbrauch stinkt es den Berlinern: In der Friedrichstraße, am Alex, am Gendarmenmarkt. Grund für Geruchsbelästigungen sind zudem unregelmäßig gewartete Fettabscheider von Gastronomie-Betrieben. An bei Touristen beliebten Orten dichten die Wasserbetriebe Kanaldeckel inzwischen schon mal mit Folie ab oder leiten Natronlauge ein, die die Faulstoffe neutralisiert.

Ortsbegehung am Gendarmenmarkt. Gerade wehen spätsommerliche Windböen über den Platz – doch die Luft ist nicht immer rein. „Da vorn stinkt es oft total“, sagt ein Taxifahrer in der Warteschlange. Dort sieht man einen Kanaldeckel im Asphalt – sie befinden sich zur Entlüftung sowie für Wartungsarbeiten alle 50 Meter über der mehr als 9000 Kilometer langen Kanalisation der Stadt. Über 4000 Kilometer Schmutzwasserleitungen, 3000 Kilometer Regenwasserrohre sowie fast 2000 Kilometer Röhren, in denen Regen und Abwasser zusammen fließen, liegen im Berliner Boden, sagt Wasserbetriebe-Sprecher Stephan Natz. Die Leitungen konstruierte James Hobrecht vor 125 Jahren so, dass das Wasser dem Gefälle entsprechend von allein abläuft – zu Pumpwerken, die es zu den Klärwerken weiterleiten.

Durch die Rohre fließt allerdings immer weniger. Nach Auskunft von Stephan Natz ist der Wasserverbrauch wegen des Niedergangs der Industrie, aber auch infolge des zunehmenden Umweltbewusstseins im Vergleich zu 1990 um 42 Prozent gesunken. So werden längst nicht alle Blätter und Hundehaufen sowie sonstige Ablagerungen schnell weggespült – sondern faulen gerade nach längeren Trockenperioden wie in diesem Sommer vor sich hin. Aber auch Wetterwechsel kann man förmlich riechen, wenn sich die Luft staut – oder Faulgase an die frische Luft geweht werden. Probleme gibt es zudem in manchen Ost-Bezirken, in denen früher mehr Mieter oder Firmen Zuhause waren: Hier plätschert jetzt zu wenig Nass in nunmehr zu großen Röhren, erklärt Eike Krüger. Auch dort wird es schnell mal anrüchig.

Manche unterirdische Stinkbombe ist indes hausgemacht. Fachleute bei den Wasserbetrieben ärgern sich über Betreiber von Kneipen, Cafés und Kantinen, die Fettabscheider unter der Erde nicht regelmäßig warten. „Da bilden sich Gebilde wie in einer Tropfsteinhöhle, und das riecht mächtig“, sagt Natz. Inzwischen steigen den Berlinern auch zunehmend Düfte aus Dorfteichen und Kanälen in die Nase: Wasser verdunstet, Algen blühen. Das Trinkwasser ist indes frisch wie eh und je – es wird schließlich aus 30 bis 170 Meter Tiefe bis in die Wasserleitungen gepumpt.

In Berlins Mitte stinkt es manchmal zum Himmel, bestätigt indes auch ein Velotaxi-Fahrer am Gendarmenmarkt. „Das kennen wir aber aus unserer Heimat Frankfurt am Main“, sagt das Pärchen im Fond.

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