Berlin : Die Cottbuser Ausstellung schockiert und verwundert mit Fleisch und Blut

Andreas Hergeth

Das sieht fast wie bei Damien Hirst aus: Zwei Schweinsköpfe im Profil, die "Festwange" zeigt die äußere Ansicht, die "Freiwange" gibt den Blick ins Innere frei. Allerdings findet die anatomische Fleischbeschau nicht hinter Glas in Formaldehyd schwebend wie beim Engländern statt. Bei den Arbeiten von Micha Brendel handelt es sich um Fotografien, die in der Ausstellung "Von den Heimlichkeiten der Natur" in den Brandenburgischen Kunstsammlungen Cottbus zu sehen sind. Der in Berlin lebende Brendel scheint fasziniert vom Tod - und vom Leben. Wer beides ergründen will, muss den Schritt zum Schnitt wagen, unter die Oberfläche blicken. Das Innerste bloßlegen. Und zu Neuem, zur künstlerischen Idee wieder zusammenfügen. Dabei arbeitet Brendel mit allerlei organischem Material. In seiner "Anschnitt"-Serie verwendete der 39-Jährige Haut, Tee, Tabak, Kaffee und Beizen auf Papier. Heraus kamen flächige Arbeiten in verwirrender Vielfalt, die manchmal an Studien für Sesselstoffe oder an Zellwucherungen erinnern. Unter die Haut geht das "Blutbuch". Die Seiten dieses Buches tränkte Brendel mit seinem Blut. Begonnen im März 1990 (wenige Monate nach der Wende), wurde aus einem ersten Selbstversuch Kontinuität. Zwei Jahre später färbte sich die letzte der 320 Seiten. In einem Gestell, das einem Inkubator (Trauma Geburt) ähnelt, kann man mit Plastikhandschuhen darin blättern. Der gebürtigen Thüringer fordert dem Betrachter viel ab. Seine Arbeiten, die wie aus der Kunst- und Schreckenskammer wirken, kommen mit ihren organischen Elementen wie Kommentare auf die heutigen Zustände daher: Brendel nähert sich der Komplexität medizinischer wie naturwissenschaftlicher Auseinandersetzungen von künstlerischer Seite. Bei seinen Grenzüberschreitungen operiert er mit einer Vielzahl an Techniken und Ausdrucksformen, wie die kleine Exposition zeigt. In deren Zentrum steht ein Tisch mit 27 kleinen Objekten. Das Ganze erinnert absichtsvoll an die Kuriositätenkammern der Renaissance mit ihren anatomischen Schaustücken: Da sind ein skelettierter Fisch oder der Panzer eines Insektes in Kunstharz gegossen. Auch ein etwa 30 Zentimeter langes Thermometer in Kreuzform läßt sich finden. "Damit kann der Metzger in der Tiefe des Fleisches vordringen, um die Temperatur zu messen", erklärt Brendel. In einer Mappe hat er alle Objekte beschrieben. Der Besucher kann blättern und zum Forscher werden.Brandenburgische Kunstsammlungen Cottbus, Spremberger Straße 1, bis 14. September, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr.

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