Berlin : Die Engel tragen Staubsauger

Bauarbeiter schrauben, schuften, fegen seit Tagen im Olympiastadion, damit der Papst auf die Bühne kann – per Lastenaufzug

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Früher haben leise Engel göttliche Geschehnisse angekündigt, an diesem Dienstagabend im Olympiastadion sind es laute Staubsauger, Hammerschläge und das Surren von elektrischen Schraubenziehern. Damit Papst Benedikt XVI. am Donnerstag im Olympiastadion eine Messe feiern kann, arbeiten seit Montag 150 Menschen Tag und Nacht.

Es ist 22 Uhr, Scheinwerfer tauchen das Stadion in weißes Licht. Den Blick zieht es sofort zum Marathontor, wo jetzt der mächtige Aufbau für den Altar steht. Große Blöcke, wie Treppen angeordnet, führen hinauf, um dem Aufbau ein wenig das Monumentale zu nehmen. Klopft man unten an den Sockel, klingt es hohl. Das Stahlgerüst mit der Altarbühne ist mit Spanholzplatten verkleidet.

Im Inneren des Marathontors, in den Katakomben, riecht es nach frischer Farbe und Leim. Wo sich sonst die Sportler umziehen, entsteht eine Sakristei. Die Wände wurden für den Papst neu gepinselt, jetzt verlegen Arbeiter hellgrauen Teppichboden. An den Milchglasfenstern zieht eine Frau Aufkleber mit dem Wappen des Papstes auf. Hier wird sich der 84-jährige Benedikt XVI. vor der Messe umziehen und vielleicht kurz die Beine hochlegen. Weiße Stühle und ein weißes Sofa stehen schon. „Wir haben extra einen Hocker für die Füße neben das Sofa gestellt“, sagt Joachim E. Thomas, der Geschäftsführer des Stadions.

Er hat 2005 für die katholische Kirche den Weltjugendtag in Köln organisiert. Seit einem guten Jahr ist er der Berliner Stadionchef. Er war von Anfang an dafür, dass der Papst seine Messe im Stadion feiert – nicht nur, weil er die Architektur „fantastisch“ findet und im Stadion viel Logistik vorhanden ist, die anderswo hätte aufgebaut werden müssen. Sondern auch, weil das Stadion anders als ein öffentlicher Raum nach außen abgeschlossen ist und deshalb mehr einem Kirchenraum ähnelt. Joachim E. Thomas hat sich jedenfalls nicht beirren lassen vom Zaudern im Erzbistum und Naserümpfen des päpstlichen Reisemarschalls, er hat den 22. September im Stadionkalender frei gehalten. Er hat immer daran geglaubt, dass die Messe hier stattfinden wird.

Neben der improvisierten Sakristei wurde ein Fahrstuhl eingebaut. Es ist ein normaler Bauaufzug. Mit weißem Stoff ausgekleidet wirkt er etwas edler und wartet nun auf seinen besonderen Einsatz: Er wird den Heiligen Vater nach oben auf die Altarbühne befördern. Wenn es ruckelt, kann sich der Papst gegen die Fahrstuhlwand lehnen, aber er wird sowieso nicht alleine sein. Vermutlich werden Erzbischof Rainer Woelki oder Kardinalstaatssekretär Tercisio Bertone bei ihm sein, außerdem der päpstliche Leibarzt. Damit es nicht so aussieht, als käme der Papst oben wie Kai aus der Kiste, hat man den Fahrstuhl mit Sperrholzwänden abgeschirmt. Er wird nicht zu sehen sein. Der Papst wird einfach von hinten auf die Bühne hinaustreten.

Vor einer halbmondförmigen Wand wird auf einem kleinen Podest sein Stuhl auf ihn warten. Im Moment steht hier viel Gestühl herum. Nichts Pompöses, beige Sitzflächen, graue Beine. Das sind die Stühle für die 18 Kardinäle und Bischöfe, die mit Benedikt zusammen die Messe zelebrieren werden. Sie wurden extra angefertigt. „Wer wo sitzt, wie hoch, tief und breit jeder einzelne Stuhl sein muss, hat der Vatikan vorgegeben“, sagt Joachim E. Thomas. Ausgerechnet am Stuhl des Papstes stimmte etwas nicht, er musste zurückgeschickt werden. Der neue wird hoffentlich rechtzeitig da sein.

Hinter der Bühne liegt originalverpackt der rote Teppich, der noch über Stufen und Bühne gelegt wird. In einer Ecke warten sieben rote Feuerlöscher auf die sieben großen Kerzen, die sie zu beschützen haben. In der Mitte von allem steht: der Altar. Die weiße Altardecke ist auch schon aufgelegt, geschützt von einer dicken Plastikplane. Hier wird er stehen, der Stellvertreter Christi auf Erden, der Menschenfischer.

Von dort draußen, wo die Zuschauerränge jetzt im Dunkeln der Nacht liegen, werden ihm 70 000 Menschen zujubeln. Fernsehkameras werden das Ereignis in 180 Länder übertragen. „Wir bereiten ein Weltereignis vor“, sagt Joachim E. Thomas und streicht mit der Hand kurz über den Altar. Er ist selbst gläubiger Katholik. „Das alles berührt mich schon sehr“, sagt er. „Wir leben in einer multikulturellen Stadt. Dazu gehören auch die Katholiken. Dass das so angenommen wird, dass tatsächlich so viele zu dem Gottesdienst ins Stadion kommen, das macht mich stolz und glücklich.“

Es bleibt noch viel zu tun bis Donnerstagfrüh. Spätestens um sieben Uhr, wenn sich der Papst in Rom auf den Weg zum Flughafen macht, soll alles fertig sein. Am Mittwochabend war die Generalprobe geplant – ohne den Papst und ohne Kardinäle, aber mit 200 Oberministranten. Das Programm muss auf die Minute genau stehen, nichts darf dem Zufall überlassen bleiben. Die Engel vor 2000 Jahren, die wussten schließlich auch genau, was sie taten.

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