Berlin : Die Erfahrungen der Andren

Stasi-Debatte: Ein Abend für die Opfer

-

Der Mann braucht einen Satz, um das volle Auditorium gegen sich aufzubringen. Er hat sich verdächtig gemacht.

Dienstagabend, Abgeordnetenhaus, Plenarsaal. Wenige Augenblicke nur ist es her, dass der Parlamentspräsident seine Eröffnungsrede beendet hat, als der Mann in den Saal ruft: „Herr Momper, sie sind ein Verräter.“ Hunderte Zuhörer buhen. Sie scheinen sich einig: Wieder einer der Ewiggestrigen. Ein Stasi-Sympathisant, der die historische Wirklichkeit leugnen will; einer von denen, denen dieser Abend nicht gehören soll. Schließlich hat Walter Momper (SPD), der Parlamentspräsident, vor wenigen Minuten gesagt: „Dieser Abend soll den Opfern der Stasi-Willkür gehören.“ An diesem Abend, könnte man sagen, findet das Rückspiel statt.

Denn dieser Abend, auch das hat Momper gesagt, ist eine Reaktion auf das, was sich vor wenigen Wochen in Hohenschönhausen ereignet hat. Eine Diskussionsrunde, in der über die Markierung des ehemaligen Sperrgebiets rund um die Gedenkstätte Hohenschönhausen geredet werden sollte. Eigentlich. Tatsächlich war eine Veranstaltung der Geschichtsleugnung daraus geworden. Über 200 ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit waren gekommen, um die Zustände im ehemaligen Stasi-Gefängnis schönzureden. Auf dem Podium saß Thomas Flierl, Kultursenator von der Linkspartei/PDS.

Auch er hatte sich also verdächtig gemacht. Denn Menschen, die den Abend verfolgt hatten, sagten, er habe die Stasi-Funktionäre einfach gewähren lassen. Die CDU und Politiker anderer Parteien forderten deshalb Flierls Rücktritt.

Flierl hat inzwischen bedauert, den Eindruck erweckt zu haben, dass er die Auseinandersetzung mit der Stasi „nicht genügend offensiv“ führe. An diesem Dienstag ist das Rückspiel. Flierl sitzt unter den Zuschauern. Die CDU ist überrascht. Ein nicht ganz unwichtiger Mann aus der Fraktion hat vorher gesagt: „Wir glauben nicht, dass er kommt.“ Flierl sitzt, den Kopf in den Nacken gekippt, und hört den Zeitzeugenberichten zu, die Schauspieler und Opfer aus dem Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen vorlesen.

Nach der Veranstaltung sagt der Mann, der Momper einen Verräter nannte, er war nicht bei der Stasi. Er habe in Hohenschönhausen gesessen und sei enttäuscht, dass er nicht berichten durfte. mne

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben