Berlin : Die Fett-Lüge

Darf man guten Gewissens noch Nudeln essen? Die Erfinder neuer Diäten sagen jetzt: Nein! Schlankwerden mit Speck und Omelett, empfehlen sie – aber Kollegen widersprechen. Was stimmt nun?

Bas Kast

Fangen wir mit dem Frühstück an, sagen wir: mit zwei Rühreiern, einem bisschen Speck, das Ganze in etwas Butter gebraten, dazu ein Toastbrot – mmh...

...Moment. Es gibt da einen Haken, der Ihnen den Spaß verdirbt: Seit einiger Zeit ärgern Sie sich über überflüssige Pfunde. Also nehmen Sie sich zum Sommerbeginn etwas Gutes vor, das da lautet: Abnehmen.

Nur wie? Was tun? Anders essen? Hungern? Leiden? Was ist mit den Eiern und dem Speck? Mit den Spaghetti, die Sie für heute Abend geplant hatten? Fett, Nudeln – ist das Gift, das sich ohne Umwege auf den Hüften festsetzt? Lange Zeit lautete der Rat der Diät-Gurus dieser Welt an alle, die schlank werden und sich gesund ernähren wollten, unisono: Essen Sie, aber essen Sie ein bisschen weniger und vor allem: Essen Sie wenig Fett. Weg mit Speck und Butter! Am besten, so lautete und lautet auch heute noch die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, man setzt auf Kohlenhydrate – auf Brot, Nudeln, Reis. Mindestens die Hälfte der Energie sollte man in dieser Nahrungsform zu sich nehmen. Dazu: Gemüse und Obst.

Wirklich? In den letzten Jahren ist nicht nur das Fett-macht-fett-Dogma ins Wanken geraten. Einige Ernährungsexperten meinen sogar: Fette sind harmlos – es sind die Kohlenhydrate, die uns mästen, jene Lebensmittel, die auf Zuckern basieren, wie auch Brot und Nudeln.

In den USA hat die Low-Carb-Hysterie (Carb für Carbohydrates, also Kohlenhydrate) schon jetzt den Höhepunkt erreicht. Eine ganze Industrie hat sich auf den Low-Carb-Hype eingestellt: Bücher über Diäten, die Kohlenhydrate als grundsätzlich kontraproduktiv einstufen – South Beach, Glyx, Zone – finden reißenden Absatz, Pizzabäcker experimentieren mit Soja-Mehl, Coca-Cola bringt im Juli eine zuckerkastrierte Version namens „C2“ auf den Markt, und dann kamen auch schon Vertreter von 450 Unternehmen, darunter die der Handelskette Wal Mart, zusammen, um zu überlegen, wie sie an diesem Markt partizipieren könnten, der im Jahr mehr als 20 Milliarden Dollar einbringt.

Aber auch in Deutschland gibt es Verfechter dieser Theorie. „Dass Fett fett macht, stimmt nicht und hat noch nie gestimmt“, schimpft zum Beispiel Nicolai Worm, Autor zahlreicher Diät-Bestseller („Glücklich und schlank“). Nicht den Speck oder die Eier sollte man beim Frühstück weglassen, sondern wenn schon, dann eher das Brot, weil, so der Experte, Kohlenhydrate für den Körper grundsätzlich die am leichtesten zugängliche Energiequelle darstellen. Als Ersatz für den Toast empfiehlt Worm Obst und Gemüse, zum Beispiel Gurken oder Paprika; Ziel ist es, den Blutzuckerspiegel niedrig zu halten.

Wenn dem Körper die Kohlenhydrate nicht als Energiequelle zur Verfügung stehen, so die Logik, muss er an die Fettpolster. Zugleich, sagt Worm, fehle einem nichts Wesentliches, wenn man sich bei Kohlenhydraten zurückhält: Steinzeitmenschen etwa seien mit weit weniger Kohlenhydraten ausgekommen.

Andere gehen noch einen Schritt weiter. Sie sagen: Kohlenhydrate sind Gift. Am radikalsten vertrat diese Position der New Yorker Arzt Robert C. Atkins. Er predigte Millionen von Anhängern: Fett, Fleisch, Eiscreme – all das, was nach Sünde schmeckt, eignet sich bestens für die schlanke Linie – so lange man nur auf Kohlenhydrate verzichtet. Zucker, Nudeln, Brot, Fruchtsäfte und Kartoffeln sind also verboten. Das hört sich ketzerisch an – und es ist nicht ohne Ironie, dass Atkins selbst im Alter von 72 mit starkem Übergewicht starb.

Dennoch konnte die Wirksamkeit seiner Diät in den letzten Monaten gleich in mehreren Studien bestätigt werden. So zeigte sich: Übergewichtige nehmen mit Atkins kurzfristig stärker ab als mit einer üblichen „Low-Fat“-Diät. Noch erstaunlicher: Es verbesserten sich sogar die Blutfettwerte. So nahm etwa die gute Form des Cholesterins, das HDL (High Density Lipid), zu.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung reagierte prompt: Anfang des Monats organisierte sie einen Experten- Workshop zur Frage, ob sie ihre Empfehlungen korrigieren müsse. Allerdings lautete das Fazit: Die Daten reichen nicht, um an den Richtlinien etwas zu ändern.

Das sehen auch viele andere Forscher so. Christiana Einig vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam etwa ist äußerst skeptisch gegenüber Atkins. Ihr Haupteinwand: „Die Langzeitwirkungen sind noch vollkommen unbekannt.“ Der Erfolg dieser Diät lasse sich darauf reduzieren, „dass diese Leute insgesamt weniger Kalorien zu sich nehmen“. Atkins-Befürworter halten dagegen: Genau das ist es doch, was man mit einer Diät erreichen möchte.

Zumindest in diesem Punkt sind sich die meisten Experten heute einig: Am Ende muss, wer abnehmen will, vor allem auf eins verzichten – Kalorien. „Das Problem vieler Übergewichtigen ist, dass sie von einem Extrem ins andere rennen“, sagt Einig: Entweder sie essen zu viel oder gar nicht. Krasse Diäten können zwar kurzfristig wirken – sie sind aber oft zu unnatürlich, als dass sich die Leute ein Leben lang daran halten möchten. „Es geht nicht darum, seinen Stoffwechsel ganz und gar umzukrempeln“, sagt Worm. „Man muss die Mitte finden, Maß halten“, sagt Einig. Das schließt weder Speckomelett am Morgen noch Spaghetti am Abend aus.

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