Berlin : Die Freundschaft begann mit einem Torpedoschuss

Ihr Schicksal kreuzte sich im Zweiten Weltkrieg auf dem Atlantik. 61 Jahre nach ihrer Feindberührung haben sie sich in Berlin getroffen

Anne Seith

„Ich bin der, der ihn versenkt hat“, sagt Alfred Stender, und es klingt jovial. Der 81-Jährige spricht über John Mears und den 29. Oktober 1942. Damals war Stender Maschinist auf dem holländischen U-Boot UD5, dessen deutsche Besatzung an diesem Tag vor der afrikanischen Westküste ein britisches Versorgungsschiff torpedierte. Zur Besatzung dieses Frachters gehörte auch John Mears.

John Mears, 78 Jahre alt, lächelt vor dem Reichstag freundlich in die Kamera und legt dabei immer wieder die Hand auf Stenders Schulter. Die beiden Männer sind auf Sightseeingtour. Sie mögen sich, das ist ihnen anzusehen. Seit 1996 schreiben sie sich regelmäßig Briefe und 1999, 57 Jahre nach ihrer ersten Begegnung im Atlantik, trafen sie sich in Hamburg zum ersten Mal wieder. „Über die Jahre wurden wir Freunde“, sagt Mears. Er hatte damals den Briefkontakt begonnen, weil er ein Buch über den Zweiten Weltkrieg schrieb und dafür auch die Geschichte der UD 5-Mannschaft hören wollte.

„Hier, das bin ich mit 20“, sagt Stender stolz und tippt auf das inzwischen fertig gestellte Buch. Auf dem Umschlag sind mehrere Fotos abgebildet. Eines zeigt einen dunkelhaarigen jungen Mann, der schüchtern in die Kamera blickt: Alfred Stender. Seine große geschwungene Matrosenmütze mit der schnörkeligen Aufschrift sieht aus wie eine Faschingsverkleidung. Auf einem anderen Bild ist ein blonder Junge mit schmalem Gesicht zu sehen. Mears war mit 16 gerade mal 1,60 groß und wog 48 Kilo. Ein Kind auf hoher See. „Ich hatte mich freiwillig gemeldet“, sagt der zurückhaltende Mann mit dem schlohweißen Haar. „Seemann: Das klang nach Abenteuer.“

Dann erzählt Mears die Geschichte des 29. Oktobers 1942, mit ruhiger Stimme. Seit er sein Buch geschrieben hat, ist die Erinnerung nicht mehr so quälend wie zuvor. „Es war abends um zwanzig vor sechs, ich war gerade an Deck, da hörte ich einen ohrenbetäubenden Knall.“ Unbemerkt hatte sich das U-Boot UD5 in Schussposition gebracht und den ersten Torpedo abgefeuert. „Ich hatte noch gar nicht begriffen, was passiert war, da brüllte ein Kamerad: Wir müssen in die Rettungsboote.“ Drei Besatzungsmitglieder starben, als das Schiff sank, 49 kamen noch rechtzeitig von Bord. Doch kaum glaubten sie sich in Sicherheit, tauchte neben ihnen wie ein Ungeheuer der spitze Bug der UD 5 aus dem Wasser.

„Ich dachte: Die bringen uns jetzt um“, sagt Mears. „Aber der Kapitän bot uns Lebensmittel an und zeigte uns den Kurs nach Dakar.“ Auch Alfred Stender erinnert sich noch genau an diesen Tag. „Ich dachte die ganze Zeit: ,Die armen Schweine!‘“, sagt er. Warum man den Feinden geholfen habe? „Wir waren Seeleute“, sagt Stender empört. „Wenn jemand im Wasser schwamm, mussten wir ihn doch retten.“

Weder Stender noch Mears sind nach dem Krieg je wieder zur See gefahren. Mears ging nach Australien, in England hätte er noch Militärdienst ableisten müssen, weil er bei der Handelsmarine als Zivilist galt. Aber vom Krieg hatte er genug. In Australien jobbte er sich durchs Leben, bekam mit zwei Frauen vier Kinder und eröffnete irgendwann eine Reinigung. Stender war nach Kriegsende drei Jahre in Gefangenschaft in England. Danach wurde er Gewerbeschullehrer in Berlin. Aufs Meer wollte auch er nicht mehr. „Er weigerte sich sogar, in den Ferien an die Ostsee zu fahren“, sagt seine Frau.

Wirklich losgelassen hat die Zeit bei der Marine aber keinen von beiden. Mears schrieb sein Buch und ist in der britischen Marinekameradschaft „Vindicatrix Association“ aktiv. „Die Jahre in der Marine waren sehr prägend“, antwortet er auf die Frage nach dem Grund. Alfred Stender ist in zwei Marine-Kameradschaften, einen Großteil seiner Freizeit verbringt er damit, Bücher über U-Boote zu lesen und U-Boot-Wappen aus Holz zu basteln. Und obwohl er seit 1945 nie mehr auf See war, sieht er aus, wie man sich einen Seemann vorstellt: tiefe Falten, weißer Vollbart. Seine Augen haben die undefinierbare Farbe des Meeres.

Schuldbewusstsein lässt sich in diesen Augen nicht entdecken. Auch nicht, als Mears berichtet, wie er, nachdem sein Schiff gesunken war, acht Tage auf dem Meer umherirrte, bis er von einem britischen Frachter gerettet wurde. „Die Beteiligten waren die Opfer“, sagt Stender. „Den Krieg haben andere gemacht.“ Mears sieht das ähnlich. Auf der ersten Seite seines Buches steht deshalb das Zitat eines englischen Dichters: „Wenn wir die Geschichte unserer Feinde kennen lernen könnten, sollten wir genug Sorge und Leid darin finden, um unsere Feindseligkeit zu vergessen.“

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