Berlin : Die Geheimnisvolle

Jury sein ist hart: Tage im Dunkeln, wenig Schlaf und viele Termine. Die Schauspielerin Martina Gedeck ist in diesem Jahr dabei

Christine-Felice Röhrs

Die geheimnisvollsten Gestalten der Berlinale sind die Mitglieder der Jury. Sieben Menschen aus aller Welt, die ihre Tage im Dunkeln verbringen, und die draußen, in der realen Welt, kaum einer zu Gesicht bekommt, vor der Preisverleihung. Sie arbeiten hart, und weil das Ergebnis hochgeheim bleiben soll, ist schwer an sie heranzukommen. In Kleinbussen fahren sie von Termin zu Termin, abgeschirmt von zwei energischen Betreuerinnen. Für Deutschland ist dieses Jahr die Schauspielerin Martina Gedeck dabei.

Jury sein ist eine Aufgabe, auf die man sich schlecht vorbereiten kann. Martina Gedeck hat sich keine Kriterien zurechtgelegt, anhand derer sie die Kollegen beurteilen will, und auch keine Skala von Eins bis Zehn, auf der sie ankreuzt. „Filme zu beurteilen, ist keine Mathematik“, sagt sie, irgendwann am Samstagmorgen per Handy aus einem schnell fahrenden Jurybus heraus, „aber das so genannte Bauchgefühl reicht da auch nicht.“ Sie setze sich einfach ins Kino und lasse den Film wirken, ohne Block und Leuchtstift. Erst hinterher macht sie sich Notizen. „Die Ahnung, wer der Sieger sein wird, setzt sich dann langsam zusammen, wie ein Puzzle“, sagt sie, und das Bild wird klarer, je häufiger sie mit den Jurykollegen diskutiert.

Vier mehrstündige Jurytreffen gibt es – meist in holzgetäfelten Zimmern mit Fenstern, die man nicht öffnen kann, im x-ten Stock des Sony Centers. So beschreibt es der Berliner Regisseur Oskar Roehler, der im vergangenen Jahr dabei war – „rundum betreut wie ein Kind im Kindergarten“, ständig an jemandes Hand, der ihn in Kinos schleuste und an den Menschenmassen vorbei. „Das war, als bräuchte man keinen Körper mehr, nur noch den Kopf“, sagt Roehler heute. Wo der Schwindel erregende Reigen ihn überall hingeführt hat, weiß er schon gar nicht mehr. „Das verschwamm irgendwann.“

Es sind die kleinen Eindrücke, die bleiben. Die „aufgeregte, freudige Atmosphäre“, die Martina Gedeck spürt zwischen Generalprobe für die Preisverleihung, Empfang beim Bürgermeister und dem nächsten Film. Roehler muss lachen, wenn er sich an den Fahrstuhlführer erinnert, der in die Pause verschwunden war und die Jurymitglieder im obersten Stock eines Hochhauses zurückgelassen hatte. „Den Amerikanern wurde schon mulmig“, sagt er. Da seien dann alle auf die Dachterrasse gegangen und hätten Kopfstand geübt.

Jury sein ist schwer. Jury werden nicht so sehr. Oskar Roehler hatte sich selber darum beworben. Martina Gedeck, die als „Bella Martha“ international gelobt wurde, ist von Berlinale-Chef Dieter Kosslick gebeten worden. Und weil sie die Berlinale als „ein Herzstück des Filmgeschäfts“ schon immer geliebt hat, nahm sie an. Tiefere Einblicke bekommen, die geballte Energie erleben und beobachten, wie die Menschen, die Ideen aufeinander prallen. Ein Ort für Gespräche, für die Anbahnung neuer, großer Projekte ist die Berlinale – nur für die Mitglieder der Jury nicht. Außer der Ehre springt für sie nichts heraus. „Ich bin ja rund um die Uhr eingebunden“, sagt Martina Gedeck. „Ich habe bisher jeden Tag drei Filme gesichtet. Dazu kommt noch die Pressearbeit, Jurysitzungen, und natürlich gibt es den einen oder anderen Empfang.“ Nicht einmal für Freundschaften untereinander bleibt viel Zeit. Die Kollegen trifft sie meist erst im Auto und vorm Kino. Viele Filme sehen die Sieben nicht einmal gemeinsam, denn manchen passt die morgendliche Pressevorführung besser in den Zeitplan als die Gala am Abend. „Und dann kamen wir um Mitternacht aus einem Film“, sagt Oskar Roehler, „da sprang der Kosslick heran und war ungeheuer gut gelaunt und sagte: Da und da und da müssen wir jetzt auch noch hin.“

„Ab dem sechsten Tag wird es hart“, sagt Roehler. Die geschlossene Gruppe, die Kopfarbeit, der nicht enden wollende Regen von Eindrücken, Menschen, Festen und Treffen. Manche Jurymitglieder meditieren dann, andere rauchen Kette, der nächste versenkt sich zwei Stunden in die New York Times, und noch einer geht im Flur spazieren. Gedeck klingt noch munter, am Handy aus dem Auto. Es mache solche Freude, Preise zu verleihen. Aber es ist ja auch erst der dritte Tag.

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