Berlin : Die Gewitter-Theorie

Der neue CDU-Landeschef Joachim Zeller hofft, dass der Streit auf dem Parteitag stresslösend und befreiend gewirkt hat. Doch der Schreck sitzt tief

Werner van Bebber

Joachim Zeller, der neue CDU-Landesvorsitzende, setzt auf die Gewitter-Theorie: Es gab starke Spannungen in der Atmosphäre, es gab ein Unwetter, es krachte und blitzte. Dann aber, hoffte Zeller am Tag nach dem Tag, der ihn zum CDU-Landeschef gemacht hat, werden sich die Wolken verziehen, „der Blick wird klarer“. Zeller hofft, dass nach der Stress- und Ärgerabfuhr auf dem Parteitag nun alle Funktionäre und Mitglieder seiner Partei klaren Blicks an die „inhaltliche Arbeit“ gehen. Zeller, der Geduldige, erinnert daran, dass es doch kaum „inhaltliche Differenzen“ in der Partei gebe. Was sein Gegenkandidat Peter Kurth angesprochen habe, halte auch er für richtig: die Fusion mit Brandenburg sei wichtig, die EU-Erweiterung mit ihren Folgen für Berlin und dass die CDU „nicht immer in scharfer Abgrenzung“ von der SPD zu sehen sei.

Zeller beginnt am Tag nach dem Tag, an dem die CDU der enthemmten Streitlust verfiel, mit dem Aufräumen. Dabei hofft er, dass auf das Gewitter vom Sonnabend nicht gleich ein neues folgt – oder die drückende Schwüle, die alle erst mal müde macht.

Sicher ist, dass die Berliner CDU sich von diesem Parteitag erholen muss. Viele Delegierte hätten nie gedacht, dass Parteifreunde auf einem Parteitag zu so heftigen Pöbeleien fähig wären. Zeller wollte am Sonntag nicht mehr hören, dass er, kaum gewählt, im Hinterzimmergespräch mit den Kreisvorsitzenden seinen Rücktritt angedroht habe – er habe davor gewarnt, „dass den Delegierten nicht völlig der Geduldsfaden reißt“ und darauf hingewiesen, dass auch seine Geduld ein Ende habe. Doch man muss sich das vorstellen: Zwölf Kreisvorsitzende und ein neuer Landeschef hätten beinahe einen Parteitag gesprengt, weil sie Politik der alten Art in der Berliner CDU zu machen versuchen: Man spricht sich ab, man verhandelt über Namenslisten, man sichert Delegiertenstimmen zur Mehrheitsbildung zu - und draußen im Saal warten sie darauf, das Ganze beschließen zu dürfen. Beinahe hätte es auf dem Parteitag ein Gewitter mit Kollateralschäden gegeben - so sind nur ein paar neue Erfahrungen in und mit der CDU geblieben. Als ein Abgeordneter Zellers Führung durch das Generalsekretärsproblem rügte, bekam er danach beim Passieren des Reinickendorfer Delegiertenblocks, die Kommentare „in tiefster Fäkalsprache“.

Kein Wunder, dass sich die Bundesvorsitzende Angela Merkels erst zu diesem Landesverband begab, nachdem die Kampfabstimmung Zeller gegen Kurth beendet war. Sie wollte vermeiden, dass in ihren Auftritt eine Sympathiebekundung für einen der Kandidaten interpretiert würde – das ist gelungen. Doch werden die Streitereien vor und auf dem Parteitag wenig dazu getan haben, dass Frau Merkel neue Sympathien für die Berliner Parteifreunde entwickelt hat. Größer denn je ist der Abstand zwischen der Bundes- und der Berliner CDU. Die hat schließlich am Sonnabend einem der sehr wenigen renommierten Bundestagsabgeordneten, Günter Nooke per Abstimmungsohrfeige gesagt, dass sie ihn nicht im Landesvorsitz haben will - und zwar besonders deutlich nicht: Nooke holte 86 Stimmen, sein Gegenkandidat 198. So geht es Leuten, die ihre Kräfte nicht ganz auf den Kiez konzentrieren – das zeigt das Beispiel Nooke. Dabei hält Nicolas Zimmer, der neue CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, viel davon, mehr „bundespolitische Präsenz“ zu zeigen. Aber auf welcher Basis? Nicht mal der Lagerstreit ist beigelegt. Eigentlich sei man auf dem Parteitag „nicht wirklich weitergekommen“, sagt Zimmer. Und interessante Ansätze müsse man erst entwickeln.

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