Berlin : Die Häute der Leute

Auf Oberarmen und Unterschenkeln ranken Blumen, tanzen Drachen, leuchten Sterne. In keiner deutschen Stadt sind so viele Menschen tätowiert wie in Berlin. Wir haben die Geschichten hinter zehn Tattoos aufgeschrieben.

von und Text und Fotos

Eine junge Frau steht an der Kasse des Kreuzberger Prinzenbads. Sie – lange, blond gefärbte Haare, Sommersprossen – trägt Jeans, ein weißes, ärmelloses T-Shirt, ihre Badesachen hat sie in einem Korb verstaut. Drinnen sucht sie sich einen Platz am großen Schwimmbecken – und entblößt eine riesige Tätowierung auf ihrem Rücken: Bunte Blumen ranken um einen Anker. Und als sie die Jeans auszieht, ist kaum Haut zu sehen, nur eine bunte Fläche. Später wird sie erklären, dass ihr Körper „ein Ort der Reiseerinnerungen“ sei. Auf dem linken Knie schwingt ein japanischer Samurai sein Schwert, auf dem rechten Unterschenkel prangt ein Stammesmuster aus dem Amazonas und auf dem rechten Oberschenkel sitzt ein Frosch von den Galapagos-Inseln.

Weil das Mädchen aus dem Prinzenbad glaubt, dass Tattoos bei manchen Menschen einen falschen Eindruck hinterlassen können, will sie sich nicht für die Zeitung fotografieren lassen oder ihren Namen nennen. Sie sagt, in dem Büro, in dem sie arbeitet, wisse niemand von den Tattoos. Sie trage immer lange Hosen.

„Ich dachte immer, ich sei ein Freak, weil ich mein linkes Bein für Souvenirs in Tattoo-Form reserviert habe“, sagt der Berliner Tätowierer Daniel Krause. Seine Arme und Beine sind voller kleiner und großer, bunter und schwarzer Tattoos. „Aber die Leute sind mittlerweile noch viel verrückter als ich.“ Nach einer Pause fügt er an: „Und man sieht es ihnen oft nicht an und man traut es ihnen nicht zu.“ Krause ist der Besitzer des Berliner Ladens Classic Tattoo, der mittlerweile sechs Zweigstellen hat. Gerade steht er in der Zentrale in der Dircksenstraße in Mitte am Tresen. Hinter ihm lassen sich zwei Männer und eine Frau hinter Plexiglaswänden Rücken, Schulter und Arme tätowieren, das Surren der Nadeln wird von lauter Rockmusik kaum übertönt.

Jeder zehnte Deutsche, der älter als 14 Jahre ist, ist tätowiert, das hat eine aktuelle Emnid-Umfrage ergeben. Bei den 30- bis 39-Jährigen trägt sogar jeder Vierte ein Tattoo. Es gilt: Je ärmer, desto tätowierter. Berlin ist nach Angaben des Vereins Deutsche Organisierte Tätowierer (DOT) nicht nur die deutsche Stadt mit den meisten tätowierten Menschen, sondern auch die mit den meisten Studios. Insgesamt gibt es in Deutschland 6000 Läden, in Berlin sind es weit mehr als 200, mehr als in München, mehr als in Hamburg. „Das hat vor allem damit zu tun, dass hier so viele junge und jung gebliebene, unkonventionelle Menschen leben“, sagt Maik Frey, Tätowierer und Sprecher des Vereins.

Auch der spanische Tätowierer-Lehrling Philippe Fernández ist hergezogen, weil die Szene in der Stadt so lebendig ist. „Ich habe in Spanien sehr gute Tätowierer aus Berlin kennengelernt und dachte, dass ich hier am meisten lernen kann“, sagt er. Derzeit schaut er den Tätowierern im Neuköllner Studio Aka zu. Bis auf ein paar Linien darf er selbst noch nicht stechen. Davor hat er Freunden bei sich zu Hause einfache Tattoos gestochen. „Ich hatte Glück, dass ich so verrückte Freunde habe“, sagt Fernández und lacht.

Die klassische Tätowierer-Karriere beginnt zu Hause mit einer Nadel, Tinte und guten Freunden. Denn offiziell kann man das Tätowieren nicht lernen. Um den Profis in einem Studio zusehen und irgendwann selbst die ersten einfachen Motive stechen zu dürfen, wird aber fast immer ein wenig Erfahrung erwartet. Philippe Fernández brachte eine Mappe mit Zeichnungen mit und Fotos von selbst gestochenen Tätowierungen.

Zu Beginn des Tattoo-Trends in den 90er Jahren wurden Menschen mit Tätowierungen oft abgestempelt als Prostituierte, Matrosen oder Häftlinge. Damals war in den Köpfen der Menschen noch verankert, was fast hundert Jahre lang galt: Wer ein Tattoo trägt, gehört einer gesellschaftlichen Randgruppe an. Heute ist das anders – und dennoch gibt es in Deutschland immer noch viele Vorurteile gegenüber Tätowierten. Deshalb gibt es viele Menschen, die nicht wollen, dass ihre Umgebung etwas von ihren Tattoos weiß, so wie das Mädchen aus dem Prinzenbad.

„Ich habe meine Unterarme zum Beispiel erst sehr spät tätowieren lassen. Denn ich wusste, dass ich damit in Berufen mit Kundenkontakt Probleme haben könnte“, sagt Daniel Krause. „Erst als ich schon selbstständig war, habe ich damit angefangen.“

Vielen anderen ist es mittlerweile aber egal, welchen Eindruck ihr Körperschmuck hinterlässt, vor allem jungen Menschen. Denen rät Daniel Krause von einem Tattoo ab, das man nicht verdecken kann. „Wenn sich ein 20-jähriges Mädchen das ganze Dekolleté tätowieren lassen will, versuche ich ihr das auszureden. Sie hat schließlich noch viele verschiedene Leben vor sich. Und vielleicht passt das später gar nicht mehr zu ihr.“ Doch nur selten hat Krause eine Chance: Wer zu ihm kommt, will ein Tattoo – und zwar sofort. „Wer es sticht, ist gar nicht mehr so wichtig“, sagt Krause. „Bis vor einem Jahr war es üblich, dass wir Termine mindestens ein halbes Jahr im Voraus vergeben haben. Aber die Leute sind immer spontaner: Vom Wunsch, sich ein Tattoo stechen zu lassen, bis zum Termin im Studio vergeht immer weniger Zeit.“ Deshalb lädt Krause im Sommer, wenn der Andrang am größten ist, Gasttätowierer aus der ganzen Welt ein.

Dass die Leute nicht mehr auf ihre Tätowierung warten wollen, ist neu - und es ist ein Berliner Phänomen. Maik Frey vom Verein DOT sagt, dass es in anderen Städten immer noch üblich ist, mehr als ein Jahr auf einen Termin bei einem ganz bestimmten Tätowierer zu warten.

Überall wissen die Kunden jedenfalls immer besser, was sie wollen. Kaum jemand blättert heute noch in den Ordnern voller Motive oder in den Zeitschriften. Fast alle kommen mit einer sehr konkreten Vorstellung, mit Bildern aus dem Internet oder mit eigenen Zeichnungen. „Die Menschen leben heute intensiver, sie sind extrovertierter und konsumieren hemmungsloser“, glaubt Daniel Krause. „Tattoos passen einfach gut zu diesem Lebensgefühl: Sie stehen fast immer für Gefühle, die Menschen nach außen tragen wollen. Weil es in Berlin besonders viele solcher Menschen gibt, sieht man hier besonders viele Tätowierungen.“

Nicht mehr durch Kleidung drücken viele heute also ihre Individualität aus, sondern mit dem Körper. In fünf Jahren fällt vielleicht auf, wer nicht tätowiert ist.

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