Berlin : Die Heimatlosen vom Bahnhof Zoo

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Von Annette Kögel

Wer hätte das gedacht: Es gibt also tatsächlich Gemeinsamkeiten zwischen dem Bahnhof Zoo und einem Freizeitpark. „Das ist gar nicht so selten, dass mich Touristen fragen: Wo finde ich denn hier die Obdachlosenszene? Wo sind die Stricher, und wo die Drogensüchtigen?“, sagt der Mitarbeiter des bahneigenen Sicherheitsdienstes BSG. Christiane F. und die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ lassen grüßen. Doch der Mann mit dem rotem Käppi muss solche Berlin-Besucher enttäuschen. „So wild ist das hier doch schon lange nicht mehr.“

Hartmut Mehdorn, Chef der Deutschen Bahn, hat ein anderes Bild vor Augen. Obdachlose, die in Bahnhöfen herumlümmeln, belästigen Reisende – deswegen sollen die Bahnhofsmissionen als Magnet für Wohnungslose künftig keine Verpflegung mehr ausgeben. Seit Monaten gibt es Querelen zwischen der Bahn und den Hilfsorganisationen. Vergangene Woche warben, wie berichtet, die ehrenamtlichen Helfer darum, weiter Essen verteilen zu dürfen. Der Bahnhof Zoo – wegen seiner Dauergäste ohne Fahrschein ein unwürdiges Empfangstor der neuen deutschen Hauptstadt? Ein abschreckendes Sammelbecken sozial Schwacher? Wir haben uns einmal genauer umgesehen.

Eines steht fest: Im Umfeld des Bahnhofes muss man mitunter Standfestigkeit beweisen. An der Haltestelle des Busses 204 auf dem Vorplatz belegt ein offensichtlich Heimatloser gleich die komplette Sitzbank im Wartehäuschen: Der Kopf hängt hintüber, der Bierbauch quillt aus der Hose. BVG-Kunden müssen stehen bleiben. Stört das die alte Dame mit den vielen Tüten? „Nein, ich fühle mich nicht belästigt“, sagt sie. Das ist nun mal so, der schläft eben.“ Sie steige hier öfters ein. „Nur wenn ich angeschnorrt werde, finde ich das nicht so gut.“

Nicole, 21, kennt da manchmal nichts. Irgendwie muss man ja überleben, sagt sie nach mehr als fünf Jahren auf der Straße. Für sie ist der Zoo so etwas wie Wohnzimmer, Partyraum, Küche. Für ihren Bahnhof fühlen sich die, die täglich herkommen, um dem Leben ein bisschen Struktur zu geben, fast schon verantwortlich. „Wir passen auf, dass die anderen, die sich noch nicht so auskennen, ihren Müll wegräumen und nicht rumsauen“, sagt Nicole. Wenn das Stephan, 29, und Erwin, 58, vom Ostbahnhof wüssten.

Die Männer mit den „Grafenwalder“-Dosen empfinden so etwas wie Corpsgeist für das Ost-Berliner Bahnhofspendant in Friedrichshain: Wenn sich jemand daneben benehme, fiele das auf Mensch und Mission zurück. Die Bahnhofsmission mit eigenem Speiseraum im Ostbahnhof wurde 1894 gegründet – die älteste der Stadt. Hier steht die Essensausgabe nicht zur Disposition. Obdachlose sieht man im Ostbahnhof selten: Kein Aufenthaltsraum lädt zum Aufwärmen ein, kaum eine Bank zum Rauschausschlafen.

Manfred, 62, mit gepflegtem Bart, Basecap und Lederjacke fühlt sich am Zoo wohler. Seinen Anglerstuhl hat er ordentlich neben dem Recycling-Mülleimer aufgestellt. „Wir sind ja alles keine Idioten, wir haben alle unseren Beruf“, sagt der gelernte Schweißer und Heizungsmonteur. Bei ihm ging das so: Unfall, Arbeitslosigkeit, Geldmangel, Straße. Obdachlosenunterkünfte meidet er, wenn es geht. „Da kann man sicher sein, dass man beklaut wieder rausgeht.“ Dann lieber Unterkühlung, Erfrierungen, nachts bei Kälte im Park. Wie er das aushält? „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“

Der Bahnhof wurde schon für viele Menschen ohne Zuhause zu einer Art Heimat. „Einige Obdachlose kommen morgens und abends kurz vorbei und sagen höflich Guten Tag und Auf Wiedersehen“, weiß Tufan Özlen, Verkäuferin in der Bahnhofs-Boutique „Tie Rack“ mit Schmuck, Schlipsen, Accessoires. Nein, Kunden hätten sich bei ihr über die Klientel noch nicht beschwert.

Bei der Bahnhofspolizei hingegen schon. „So was kommt vor“, sagt der junge Beamte. Dann schreiben er und seine Kollegen auch schon mal Anzeigen wegen Hausfriedensbruch. Und sonst? „Mal ein Ladendiebstahl, bei den Jüngeren Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.“ Sonst aber machen der Polizei und dem Bundesgrenzschutz am Zoo andere Kaliber zu schaffen. „Die Straftäter, die den Reisenden die Kreditkarte stehlen, sehen eher aus wie Sie und ich“, sagt Helga Fritz, Chefin der Bahnhofsmission in der Jebensstraße am Zoo.

Rund 500 Portionen Essen verteilen die Haupt- und Ehrenamtlichen mit Unterstützung vor allem der „Berliner Tafel“ Tag für Tag an Bedürftige, rund 300 der Empfänger sind heimatlos. Schlange stehen sie, bis um die Ecke. Die Mission hofft nun auf ein zweites Standbein: die Bahn will einen Bogen unter den S-Bahnbrücken am Tiergarten für die Essensausgabe bereitstellen. Wenn der Senat dies fördern würde, könnten sie hier effektiver, intensiver betreuen. Und, so hofft jedenfalls die Bahn, dann würde die ungeliebte Klientel von den Hauptstadtbahnsteigen verschwinden.

„Wegscheuchen ist keine Lösung“, finden Barbara Hüttig, Hausfrau aus dem Odenwald, und ihr Mann Wilfried, die in Berlin zu Besuch sind. „Die Gesellschaft muss mit ihren Randgruppen umgehen und leben.“ Akzeptanz der einen – ein Abenteuer für die anderen. „Die Touristen finden Berlin so gut, wie es ist. Immer Action, immer Stimmung“, sagt ein Taxifahrer vom Bahnhof Zoo.

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