Berlin : Die Jahrhundertfrau

Sie hat mit Marlene Dietrich im Schulorchester gespielt, für Professor Sauerbruch in der Charité gearbeitet und Hans Fallada kurz vor seinem Tod gepflegt. Nach dem Krieg hat sie den Tagesspiegel „vom ersten Tag an“ gelesen. Heute feiert Lilo Hehner ihren 100. Geburtstag

Katja Füchsel

Ach nee, bloß nicht! Wenn die Geschichte mit vollem Namen zu ihrem 100. Geburtstag erscheint, quillt nur der Briefkasten wieder über, das Telefon klingelt in einem fort und sie kommt überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Also, bitte, inkognito das Ganze: „Verwenden Sie doch meinen Mädchennamen!“, sagt die Frau mit den wasserblauen Augen, lächelt und zieht weiter braunstichige Fotos aus einer Mappe heraus. Gestatten: Lilo Hehner, Jahrgang 1904, geboren in Berlin.

Sicher, das Jubiläum legt es nahe, die Frau aus Charlottenburg einmal vorzustellen. Doch es ist nicht das Alter, das Lilo Hehner interessant macht, es ist ihr Leben. Als Lilo 1904 in der Markgrafenstraße geboren wird, regiert Kaiser Wilhelm II. das Land, der Mittelstreifen des Ku’damms gehört noch den Reitern, und auf dem Potsdamer Platz kreuzen die Droschken im Gewühl. Den Theaterregisseur Max Reinhardt beleidigt Lilo schon als Sechsjährige („Papa, wer war der Mann mit den Glubschaugen?“), mit Marlene Dietrich geht sie zur Schule, freundet sich später mit den Söhnen von Außenminister Stresemann an, arbeitet in der Charité für Professor Sauerbruch, pflegt hier den Schriftsteller Hans Fallada kurz vor seinem Tod, lernt später Charlotte von Mahlsdorf kennen, berät die Schauspielerin Corinna Harfouch für ihre Rolle der Eva Braun… Mit einer solchen Aufzählung muss Lilo Hehner zum 100. leben, auch, wenn sie es selbst leiser mag. „Heute wird um alles zu viel Brummbrumm gemacht“, sagt sie und flattert mit der Hand, als wolle sie so den Zeitgeist verscheuchen.

Heute ist die 100 in der Biografie noch etwas Besonderes, aber das wird sich ändern, sagen die Demografen. In etwa 60 Jahren soll die 100 bei den Frauen als durchschnittliche Lebenserwartung gelten. Die Zahl der Hochbetagten schnellt in der Stadt schon jetzt nach oben: Während 1997 genau 637 Berliner 100 Jahre und älter waren, zählte das Statistische Landesamt im Jahr 2000 bereits 1266. Drei Jahre später lag die Zahl bei 1703 – wobei 1088 der Hundert-Plus-Jährigen Frauen waren. Was das lange Leben angeht, glaubt Lilo Hehner nicht an Sport oder Pharmaka, eher an Energie und Lebenslust. Und was lässt die Männer so viel früher sterben? „Vielleicht übernehmen sich so viele, weil sie immer ihre Überlegenheit zum Ausdruck bringen wollen.“

Sie selbst war einmal verheiratet, „eine sehr schwierige Ehe in einer sehr schwierigen Zeit“. Doch der Reihe nach: Am 7. April 1910 wird Lilo eingeschult, zur Feier des Tages bei „Hermann Tietz“ an der Leipziger Straße mit Schultüte fotografiert. Die Elisabeth-Schule in der Kochstraße ist eine königliche Lehranstalt, die „alten Jungfern“ vergällen Lilo schnell den Spaß am Lernen. „Das war schlimmer als in einer Kadettenanstalt.“ Später wird sie nach Charlottenburg umgeschult, ist hier mit Marlene Dietrich im Schulorchester. Ein zurückhaltendes, schweigsames Mädchen, sagt Lilo Hehner, das wunderschön Geige spielt und drei Jahre älter ist als sie selbst. „Später hat die Dietrich ihr Alter ja nicht mehr verraten.“

Heute ist’s soweit, daraus macht Lilo Hehner kein Geheimnis. Schon Tage vorher türmen sich auf ihrem schwarzen Flügel die bunten Glückwunschkarten. Zum kalten Buffet in den Brandenburger Hof („Berlins feinstes Hotel!“) ist zum Geburtstag aber nur „der engste Kreis“ geladen, elf Herren und fünf Damen. Typisch Lilo. „Ich bin schon immer besser mit Männern ausgekommen.“ Mit ihren Freunden von außerhalb führt sie „eine große Korrespondenz“. Neben der Reiseschreibmaschine „Princess Standard“ mit den klobigen, beigen Tasten liegt auf dem Sekretär das Buch, das Lilo Hehner kürzlich „mal wieder“ aus dem Regal gezogen hat: „Weltreise eines Sexualforschers“ von Magnus Hirschfeld.

Das Jahrhundert hat gerade begonnen, als ihr Vater in der Friedrichstraße eine Theaterfirma, die Bühnenbilder und Kostüme fertigt, eröffnet. Schon als Kind steht Lilo im Rampenlicht, doch der Vater stirbt früh, und die Mutter wünscht sich später, dass Lilo studiert. Den Menschen bei der Berufsberatung allerdings scheint, dass die junge Frau für die soziale Arbeit geeignet ist. 1929 fängt sie in einem Pflegeamt an, wird das, was man heute eine Streetworkerin nennen würde. Das Kind aus bürgerlichem Hause kümmert sich ums „Berliner Miljöh“, um die Fabrikarbeiterinnen aus Prenzlauer Berg, um Huren und Homosexuelle aus dem Zentrum, sie betreut zwei Lesben, die zusammen ein Kind erziehen. „Meine Mutter hat natürlich nicht gewusst, was ich da mache.“ Als die Nazis das Amt 1933 schließen, verlegt sich Lilo aufs Private: Sie reist, erst mit dem Schiff nach New York, dann nach Meran, Verona und Sizilien.

Schon in den 20er Jahren hat Lilo bei einem Treffen des Liberalen Studentenbunds Joachim, einen Jurastudenten, kennengelernt. Nach der Hochzeit zieht das Paar in die Charlottenburger Gervinusstraße. Ab 1940 arbeitet die junge Frau in der Nervenklinik der Charité, unentgeltlich. „Mein Mann wollte nicht, dass ich von den Nazis bezahlt wurde.“ Lilo Hehner sagt, dass die Nazi-Zeit die schwärzeste in Berlin war, viel schlimmer als der Erste Weltkrieg, „in dem wir sehr gehungert haben“. Die ständige Angst, die Heimlichtuerei. Sie bringt in ihrem Haus Juden unter, bis es ihr Mann „zu Recht“ verbietet – es wird zu gefährlich. Fast jeder sei in die Verbrechen der Nazis mit hineingezogen worden, sagt sie heute: „Nicht noch entschiedener gegen die Nazis gehandelt zu haben und sich aus eigener Bequemlichkeit über bestimmte Grausamkeiten selbst getäuscht zu haben – diese Schuld trifft uns, alle.“

1944/45 arbeitet Lilo Hehner für Professor Sauerbruch, den Leiter der Chirurgie („Ein sehr lebendiger Mensch und immer in Eile“). Wegen der Angriffe richtet die Charité einen Keller mit 4000 Betten ein, den „Sauerbruch-Keller“. Bilder, die nicht verblassen: „Einmal kam ein Transport mit 300 ganz jungen Soldaten, schwer verletzt, die starben alle.“ 1946 hat sie schließlich einen prominenten Patienten zu betreuen: Hans Fallada. Eine Zeitung empört sich damals darüber, dass der kranke Fallada, bereits von seiner Alkohol- und Morphiumsucht geschwächt, in der Klinik Studenten vorgeführt wird. Lilo Hehner zuckt darüber nur müde die Achseln: Absoluter Usus bei allen Patienten, sagt sie. „Egal, ob das Herr Müller, Fallada oder Schulze war.“

Die eine Ehe – sie wird in den 50er Jahren geschieden – reicht Lilo Hehner fürs ganze Leben. Sie ist „sehr gerne“ alleine in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung unweit des Ku’damms, umgeben von ihren alten Möbeln, der Vitrine der Großmutter, den Bildern, Büchern und dem Tagesspiegel, den sie „vom ersten Tag an“ liest, seit 1945. Lilo Hehner arbeitet nach dem Krieg als Fürsorgerin fürs Deutsche Rote Kreuz, als Bibliothekarin im Krankenhaus Wilmersdorf und als Jugendrichterin. Als sie mit 71 ihren Beruf aufgibt, packt sie wieder öfter die Koffer, reist nach Paris, Nowgorod und Moskau. Endlich findet sie Zeit, ein Buch („Das Leben der Lilo Hehner“) zu schreiben, schade, dass es nur für Freunde und Bekannte, aber nie im Handel erscheint.

Nach dem Mauerfall 1989 fällt ihr „ein Stein vom Herzen“, sie denkt „endlich ist wieder alles normal“. Doch im neuen „Neuen Berlin“ fremdelt Lilo Hehner noch, kann sich nicht anfreunden mit den vielen Hochhäusern am Potsdamer Platz, dem Glas und dem Stahl. Einmal hat sie das Adlon besucht, „schrecklich“, sagt sie, „da gehe ich nie wieder hin.“Aber einen Platz gibt es doch, den hat sie schon als Kind geliebt, den liebt sie in Berlin noch heute. Als älteste Aktionärin des Berliner Zoos zahlt Lilo Hehner keinen Eintritt, und mehr noch, auch jeder ihrer Gäste kommt umsonst rein. („Das gibt’s nur noch ganz selten“). Sie lacht. In den 20ern war’s, da hat ihr ein Affe einmal den Hut vom Kopf gezoge – und sie so ganz unfreiwillig im Zoologischen Garten ihre Spuren hinterlassen: „Danach sind die Käfige verglast worden.“

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