Berlin : Die Kultur des Schimpfens

Zwei Diskussionen zum Thema Bankgesellschaft, die gleiche Forderung: Das Land soll nicht zahlen

Fatina Keilani

Mathilde Stanglmayr ist eine zierliche Person. Sie hat eine angenehm ruhige Stimme, und sie strahlt Kompetenz aus. Was sie sagt, steht in krassem Gegensatz zu dem, was Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) zum Thema Bankenskandal stets wiederholt, dass nämlich die Risikoabschirmung von allen Varianten noch die billigste für das Land ist – obwohl damit das Land für die Ansprüche der Anleger aus den riskanten Immobiliengeschäften der Bank am Ende aufkommen müsste (siehe Kasten).

Frau Stanglmayr ist Volkswirtin, sie hat den Bankenkonzern analysiert und sieht das anders. Jetzt steht sie im „Club von Berlin“ vor den Mitgliedern. Eines hat sie mit Sarrazin gemeinsam: Sie legt Folie nach Folie auf den Projektor und schildert die verheerende Lage äußerlich ungerührt. Die gesamten Risiken der Bank seien weit höher als die bisher abgeschirmten, sagt sie. Wie hoch genau, sei unklar.

Der Club trifft sich in einem gediegenen Raum mit Sesseln und Ledersofas, Leselampen, roten Wänden und Teppich auf dem Parkett. Er hat eine ehrenvolle Geschichte, hier versammelt sich Bürgertum, Männer in Anzügen und mit englischem Schuhwerk, Frauen in Kostüm oder Anzug mit Bluse und Perlenkette. Etwa 50 sind heute gekommen, um Frau Stanglmayr und dem Autor Mathew D. Rose zuzuhören. Der Zorn darüber, wie Manager der Bankgesellschaft das Land in eine schwere Finanzkrise geführt haben – hier bricht er sich nicht volkstümlich Bahn, sondern kultiviert. Die Atmosphäre ist sozusagen analytisch: So ist die Lage, was ist zu tun? Stanglmayr und Rose sind einig: Was die riskanten Immobiliengeschäfte angeht, sollte mit den Anlegern über eine Rückabwicklung verhandelt werden. Teile der Bank sollten abgewickelt werden, aber nicht über den Steuerzahler, sondern über den Markt. Das will auch das Volksbegehren erreichen, das derzeit läuft.

Zwei Tage später. Mittwochabend im Schöneberger Rathaus. Der Willy- Brandt-Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt, etwa 800 Leute sind gekommen, einige müssen stehen. Die Professoren Peter Grottian und Rolf Kreibich, treibende Kräfte des Volksbegehrens, haben kräftig dafür getrommelt. Die Veranstaltung heißt „Das Tribunal“. Sie soll drei Stunden dauern, am Ende soll ein Urteil verkündet werden. Es werden fast vier Stunden. Analyse herrscht nicht vor, das Ziel ist aber das gleiche: Die Risikoabschirmung soll aufgehoben, die Bank entflochten und notfalls in die Insolvenz geführt werden. Aber hier werden die Forderungen als Spektakel serviert.

Es moderiert Lea Rosh, Berliner Symphoniker spielen, Filme werden gezeigt, von hinten rennt ein Chor durch den Saal und brüllt „Die Lösung! Die Lösung!“ Auf der Bühne formiert sich der Chor, ähnlich wie in der griechischen Tragödie. Ein Symphoniker, eine Lehrerin und ein Mann von der Feuerwehr sagen, unter welchen Kürzungen sie durch „den Bankenskandal und die Sparmaßnahmen“ zu leiden haben. Sprecher der beiden Initiativen werfen den Handelnden Versagen vor und sehen die Demokratie in Gefahr.

Entsprechend das Urteil: die Abschirmung soll aufgehoben werden. Und die Bundesregierung solle ihre „europapolitische Verantwortung in Sachen Bankgesellschaft“ wahrnehmen. Was immer das heißen mag. Als es verkündet wird, haben sich die Reihen schon deutlich gelichtet.

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