Berlin : Die lange Nacht der Kipas

Tausende besuchten die sieben großen Synagogen der Stadt – Rap auf Jiddisch

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Hier in der Nähe musste ein jüdisches Gebetshaus sein, man sah es an den Männern mit den weißen Kipas. Die kleine runde Kopfbedeckung war nun mal Pflicht bei der „Langen Nacht der Synagogen“ am Samstagabend. Leuchtend blaue konnte man leihen, weiße auch für 2,90 Euro kaufen. Und viele Besucher hatten offenbar vergessen, die Kipa anschließend wieder abzunehmen. Zu Tausenden waren die Berliner in die sieben großen Synagogen der Stadt gekommen, in die größte in der Rykestraße in Prenzlauer Berg beispielsweise oder in die berühmteste in der Oranienburger Straße.

Dort drängelten sich die Besucher im Keller bei Führungen durch die Mikwe, das rituelle Bad, und oben bei einem Vortrag über die Geschichte der Thora. Sie wollten erfahren, was der Unterschied zwischen orthodoxen und liberalen Juden ist, ob es auch bei den Juden kriegerische Auseinandersetzungen gab wie zwischen Katholiken und Protestanten. Miriam Rosengarten, die Synagogenvorsteherin, freute sich über die vielen Menschen. Erleichtert war sie aber auch, dass nicht ganz so viele kamen wie vergangenes Jahr. Da sei es so voll gewesen, dass sich die Leute nicht mehr bewegen konnten.

Eine Mittzwanzigjährige konnte es nicht fassen, dass die Mikwe noch genutzt wird. „Wussten Sie, dass eine beschädigte Thora-Rolle auf dem Friedhof beerdigt wird?", sagte die 65-jährige Ursula Schönfelder und biss in einen Hefezopf, den sie am koscheren Buffet gekauft hatte. Auf Mauritius hatten die Schönfelders erlebt, dass verschiedenen Religionen friedlich miteinander leben können. Dass es andernorts nicht geht, liegt für sie daran, dass die Leute zu wenig voneinander wissen.

Als in der Oranienburger Straße gegen 23 Uhr die letzten hebräischen Lieder verklangen, startete in der Villa Elisabeth in der Invalidenstraße das Kontrastprogramm. Die Zeitschrift „Heeb“ aus New York feierte, ein junges links-alternatives jüdisches Magazin, das die jüdische Szene in New York aufmischt. Die Heeb-Leute hatten Drag-Queens mitgebracht. Sie rappten auf Jiddisch und nahmen die ach so romantischen Schtetl-Lieder auseinander. „Es ist bizarr, dass hier in Deutschland alle zu Klezmermusik rennen“, sagte eine der Heeb-Herausgeberinnen, „das haben Juden vor 100 Jahren gehört.“ Dann stieg eine Frau mit russischer Fellmütze und weißem Minikleid auf die Bühne. Um die Hüften hatte sie sich ein Keyboard geschnallt, aus dem sie kreischende Töne quetschte und „Eia popeia, was raschelt im Stroh“ mit Gewehrsalven-Sequenzen zerfetzte. clk

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