Berlin : Die letzte Lincke

Das Schloss Britz zeigt eine Ausstellung über den Komponisten der „Berliner Luft“. Seine Großnichte erinnert sich

Heidemarie Mazuhn

Die Berliner Luft hat das Leben von Margot Lincke-Madersbacher seit jeher geprägt. „Wir Linckes sind seit 1600 waschechte Berliner“, sagte gestern die 79-Jährige im Schloss Britz. Dort kann man vom morgigen Sonntag an „Schlösser, die im Monde liegen…“ besuchen – so heißt die Ausstellung über ihren Großonkel Paul Lincke und die Berliner Operette. Auch um die „Berliner Luft“ geht es, jenen Evergreen, der am 28. September 1904 im Apollo-Theater uraufgeführt wurde und der seither als heimliche Hymne Berlins gilt.

Margot Lincke-Madersbacher kennt nicht nur die 100-jährige „Berliner Luft“ rauf und runter, sondern alle Werke Paul Linckes. Ihr Vater Bruno Lincke, Neffe des Komponisten, hatte eine Musikaliengeschäft. „Paul und Bruno Lincke“ hieß der Laden in der Friedrichstraße 114. Das Haus steht noch, Linckes Wohnhaus in der Oranienstraße 64 allerdings nicht mehr. Es wurde bei einem Bombenangriff zerstört. Dass der Komponist dabei nicht selbst zu Schaden kam, verdankt er seiner „Frau Luna“. 1943 war der 77-Jährige ins böhmische Marienbad eingeladen worden, um dort sein Werk zu dirigieren, dessen Uraufführung am 1. Mai 1899 im Apollo-Theater als Geburtsstunde der Berliner Operette gilt. Dabei hatte der Komponist eigentlich gar nicht nach Marienbad fahren wollen, wie sich seine Großnichte erinnert. Die Familie überredete damals den Komponisten, das Marienbader Angebot anzunehmen. Während seines Aufenthalts dort fielen die Bomben auf sein Berliner Wohnhaus.

Als der Krieg zu Ende war, wollte Lincke nach Berlin zurückkehren, das ihn 1941 zum Ehrenbürger gemacht hatte. Doch nur mit einer Zuzugsgenehmigung war das damals möglich. Paul Lincke schaffte es schließlich mit Hilfe von General Pierce vom 6. US-Panzerregiment, aber nur bis nach Hahnenklee im Harz. Dort starb er am 3. September 1946 – zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag und einen Tag vor dem Eintreffen des lang ersehnten Briefs mit der Berliner Zuzugsgenehmigung und Wohnraumzuweisung.

Paul Lincke von Hahnenklee nach Berlin umbetten zu lassen, wie man es ihr nach der Wende vorgeschlagen habe, hat Margot Lincke-Madersbach abgelehnt. „Wie es heute ist, ist es nicht mehr sein Berlin“, sagt sie. Und in Hahnenklee sei das Grab des Großonkels längst ein Wallfahrtsort für Lincke-Fans. Die hat der Berliner in aller Welt. Sein musikalisches „Glühwürmchen“-Idyll ging allein in jüngster Zeit in Amerika zwei Millionen Mal über den Sender, weiß die letzte lebende Lincke zu berichten.

Selbst hat sie keine musikalische Ader geerbt. In Lincke-Operetten stand sie trotzdem oft auf der Bühne – als Statistin. „Ich wusste manchmal gar nicht, warum ick da marschiere“, erinnert sie sich an die Kindheit mit viel „Berliner Luft“. Der Komponist sah in der Nichte übrigens immer die Enkelin. Seine kurze Ehe mit der Schauspielerin Anna Müller-Lincke endete ohne Kinder, dafür heftig. „Anna fuhr nach Paris und knallte ihm eine“, erzählt die Großnichte, dass sich Lincke in den Folies Bergère zu sehr weiblich hofieren ließ. Sein späterer Hit „Lasst den Kopf nicht hängen“ hätte da prima gepasst.

„Schlösser, die im Monde liegen…“, bis 30. Januar 2005, Schloss Britz, Alt-Britz 73, dienstags bis donnerstags von 14 bis 18 Uhr, freitags von 14 bis 20 Uhr, am Wochenende und feiertags von 11 bis 18 Uhr.

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