Berlin : Die Liebe der Schafhirten

16.10.2005 00:00 UhrVon Rüdiger Suchsland

Zur Vorstellung seines neuen Films kam Ang Lee nach Berlin. Hier begann seine internationale Karriere

Wie schüchtern er ist! Langsam, fast zögernd betritt Ang Lee die Interviewsuite des „Regent Hotel“ am Gendarmenmarkt, schaut beinahe etwas verlegen. „Ich fühle mich auf der anderen Seite der Leinwand am wohlsten, beim Publikum“, sagt er gleich zu Beginn. Ist das typisch „asiatische“ Höflichkeit? Das wäre ein viel zu schlichtes Klischee. Zumal der 51-jährige Regisseur seit bald 30 Jahren in Amerika lebt. Er ist einfach bescheiden geblieben – trotz seines Erfolgs. Und Erfolg hat er viel. Schon dreimal hat Lee ein „A-Festival“ gewonnen, öfter als Wim Wenders oder Jean-Luc Godard. Vier Oscars gewann er im Jahr 2001 für das Schwertkampf-Drama „Tiger & Dragon“ – mehr als jemals ein anderer nicht-englischsprachiger Film zuvor.

Zuletzt erhielt er in diesem Sommer in Venedig einen „Goldenen Löwen“ für „Brokeback Mountain“, den er jetzt in Berlin vorstellt. „Ich mag Berlin“, sagt er gelassen, trinkt einen tiefen Schluck Wasser und erinnert sich, wie hier auf der Berlinale seine Karriere begann. 1993 nahm er erstmals an einem großen Wettbewerb teil und gewann prompt den Goldenen Bären für „Das Hochzeitsbankett“. 1996 wiederholte er den Gewinn mit „Sinn und Sinnlichkeit“. Das hatte überhaupt noch keiner geschafft.

„Brokeback Mountain“, der voraussichtlich Ende Februar ins Kino kommen wird, nennt der Regisseur einen „Post-Western“. Er spielt in den sechziger Jahren und erzählt von zwei jungen Männern, die einen Sommer lang in den Bergen Schafe hüten. Sie freunden sich an, doch die Tage sind einsam und die Nächte kalt, und so bleibt es nicht bei bloßer Freundschaft. Dann müssen beide wieder in ihre stinknormale Existenz und ihre Hetero-Ehen zurück. Doch über 20 Jahre sehen sie sich regelmäßig – leben ein zweites, sorgsam gehütetes Leben.

„Meine Schauspieler Heath Ledger und Jake Gyllenhal habe ich gecastet, weil sie keine Angst vor dem Stoff hatten“, sagt Lee. „Aber ich selbst habe mich ganz schön schwer getan, ihnen für die Sexszenen detaillierte Regieanweisungen zu geben.“

Immer wieder kreisen die Filme des westlich-asiatischen Grenzgängers um die Frage, wo man hin gehört. Auch wenn Lee schon lange mit seiner Frau und den beiden Söhnen in New York lebt, ist er der taiwanesischen Heimat eng verbunden. Anfang der fünfziger Jahre floh die Familie wie Millionen andere Mao-Gegner dorthin. Zuletzt kam er 2004 nach Taiwan, als er bei den „Golden Horse Awards“ den Ehrenpreis erhielt. Heute kann er es sich leisten, auch lukrative Angebote abzulehnen. Vor ein paar Jahren schlug er die Offerte aus, „Terminator 3“ zu verfilmen. Auch in Zukunft will Lee lieber seinen eigenen Weg gehen: „Jeder hat versteckte Seiten. Das Filmemachen ist ein großartiger Weg, um von ihnen zu erzählen.“

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