Berlin : Die Matrickser

Die unglaublichen Special Effects im Kino-Thriller „Matrix Reloaded“ kommen von einer Firma aus Berlin

Stefan Jacobs

Millionen Menschen werden vom nächsten Donnerstag an Abermillionen Euros in die Kinos tragen. Es wird ihnen schwindlig werden, wenn Neo alias Keanu Reeves im neu aufgelegten Science-Fiction-Thriller „Matrix Reloaded“ die Kung-Fu-Rüpel scharenweise umhaut, Menschen aus dem Gleitflug in fahrende Autos hineinfließen und ein Motorrad in wilder Geisterfahrt über den Highway brettert. Wie machen die das bloß?

Mit einem weltweit einmaligen Computerprogramm namens „Mental Ray“ aus Berlin machen sie das. „Mental Images“ heißt die Firma, die schon Haus-Elf Dobby durch Harry Potters Stube toben und Spiderman sein Netz über Straßenschluchten spinnen ließ. Sie residiert im Kantdreieck, ganz oben. Unter den Bürofenstern breiten sich Theater des Westens und Neues Kranzlereck aus. An der Wand hängt eine riesige, mit Zahlen, Zickzacklinien und Stichworten wild bekritzelte Tafel. Die scheint Teil des Geheimnisses zu sein. „Man wischt ja ungern was ab, weil man vielleicht eine Woche später noch mal darauf zurückgreifen möchte“, sagt Chefentwickler Thomas Driemeyer. An ihn war der diesjährige Technik-Oscar adressiert, den die Firma für ihre Software erhielt.

Wie die Animationen genau funktionieren, ist leider keinem durchschnittlich begabten Menschen zu vermitteln. Driemeyer gibt eine kleine Denkhilfe: „Wäre unser Tisch hier nicht schwarz, würde auch die Zimmerdecke ein bisschen heller erscheinen. Und ein matter Tisch wirft anderes Licht zurück als ein glänzender.“ Also muss die Veränderung von Licht und Objekten für alle Bewegungen der (scheinbaren) Kamera berechnet werden. Im einfacheren Fall sind das die Lichtreflexe auf einem glänzenden Auto, die sich beim Vorbeifahren ändern. Bei „Matrix Reloaded“ sind es Achterbahnfahrten der scheinbaren Kamera durch kämpfende Menschenmengen, Staubwolken und Feuersbrünste. Der Mix aus Realität und Animation ist längst Kult: Am Montag schickt der Filmverleih einen passend zum Film gestylten Sonderzug mit 400 Fans nach Berlin. Bei der Vorpremiere im Zoo-Palast dürfen die Auserwählten dann Effekte sehen, an deren Berechnung jeder handelsübliche Computer verglühen würde. In Hollywood haben sie über tausend Hochleistungsrechner parallel daran arbeiten lassen. Macht über tausend verkaufte Programme für die Berliner, deren Büros – abgesehen vom famosen Ausblick – so spektakulär aussehen wie eine Behörde.

„Hollywood allein reicht nicht zum Leben“, sagt Direktor Rolf Herken, der Mental Images 1986 gegründet hat. Mercedes etwa lässt seine Autos in der Werbung schon seit langem mit Berliner Software durch die Landschaft fahren und animiert neue Modelle möglichst am Rechner, statt teure Unikate zu schnitzen. Die Simulationen vom Großflughafen Schönefeld und von Daniel Libeskinds Neubau für Ground Zero sind ebenso mit der Software gemacht worden wie einst die Nixen in der Levi’s-Werbung.

„Auch eine Feuerspur, die den Schauspieler verfolgt, ist in Wirklichkeit extrem schlecht zu erzeugen“, sagt Herken und schaut aus dem Fenster. Am hellgrauen TU-Gebäude bleibt sein Blick hängen. „Von da hätten wir gern mehr Leute“, sagt er. Thomas Driemeyer als TU-Absolvent ist eine Ausnahme. Die Ausbildung der meisten Mathematik-, Physik- und Informatik-Absolventen sei der Firma nicht gut genug. „Die richtig guten Bewerber kommen eher aus Amerika oder Russland.“ Ein Drittel der Mitarbeiter stammt nicht aus Deutschland. Es lasse sich gut arbeiten in Berlin, aber die Ausländerbehörde sei ein ernster Standortnachteil. Seit 1999 gibt es deshalb eine Niederlassung in San Francisco.

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