Berlin : Die Mauer wird ausgestellt

Das Landesarchiv erinnert ab heute mit 150 Fotos und Dokumenten an 28 Jahre Teilungsgeschichte

Lothar Heinke

Wie viel haben wir vergessen! Dass Nikita Sergejewitsch Chruschtschow am 17. Januar 1963 wörtlich gesagt hatte: „Die Deutschen werden wiedervereinigt sein, und zwar unter dem roten Banner von Marx, Engels und Lenin!“ Oder dass Willy Brandt als Regierender Bürgermeister in Berlin mit blauer Tinte in seine Rundfunkrede zum ersten Jahrestag des Mauerbaues prophetisch diese Worte eingefügt hat: „Ein Regime, das seine Bevölkerung einmauern muss, hat das Urteil der Geschichte gegen sich.“ Einzelheiten und Details aus 28 Mauerjahren wurden verdrängt, und manch einer vermisst gar das von Mauerspechten atomisierte und von Betonmühlen zerschredderte Original am Stück, wenigstens zum Vorzeigen und zur Abschreckung an dieser oder jener ehemaligen Grenzstelle.

Wer Sehnsucht nach dem Betonwall hat, wen die Erinnerung quält oder wer überhaupt erst eine Vorstellung davon erhalten möchte, welche Folgen dieses steinerne Monstrum quer durch eine gut funktionierende Stadt nach sich zog, sollte den Weg zum Landesarchiv am Eichborndamm 115 in Reinickendorf nicht scheuen. Dort wird im Rahmen des 2. Europäischen Monats der Fotografie die Ausstellung „Die Berliner Mauer 1961–1989“ eröffnet. Zu sehen sind ab morgen 150 Fotos und das ganze Ausmaß der Brutalität übereinandergeschichteter Steine oder hoher Betonelemente, die Straßen und Seelen, Plätze und Bindungen vieler Art durchtrennten und den Berlinern jahrzehntelang den Atem nahmen – bis zur Gewöhnung an das anscheinend Unvermeidbare.

Heute sehen wir die Szenen von dem 163 Kilometer langen Berliner Mauerstreifen mit Erstaunen, aber auch mit Freude und Genugtuung über jene Veränderungen, die sich in den letzten 16 Jahren beiderseits der Trennlinie vollzogen haben. Berlin ist wieder die alte oder eine ganz neue Stadt, die Mauerbilder können nurmehr Albträume auslösen und böse Erinnerungen hervorrufen. Die Jungen, die das alles nur vom Hörensagen kennen, werden viele Fragen haben: Warum? Wieso? Und weshalb habt ihr euch das so lange gefallen lassen?

Dem Kurator Volker Viergutz und seinen Mitstreitern war es nicht genug, den Mauerwahnsinn fotografisch zu dokumentieren. Mit Neugier und Akribie haben sie sich in die Akten vertieft und zahllose Dokumente hervorgeholt, die uns heute von Vorgängen erzählen, die sich hinter den Kulissen abgespielt haben. Da sind die „Gefechtsjournale“ der Volkspolizei, Berichte über Fluchtversuche, die tödlich endeten, über Verhaftungen, Einsätze von Wasserwerfern und Nebelkerzen, die VP-Befehlskarte, nach der die Aktion 13. August 1961 ablief – und auch der rührende Brief der Biologiestudentin Regine Radischewski, die darum bittet, Weihnachten ’61 den Turm der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße als Gruß an die ausgesperrten Gemeindemitglieder mit einem leuchtenden Stern zu schmücken. Das Ansinnen wurde abgelehnt, die Schreiberin später als Regine Hildebrandt berühmt. Da war die Mauer längst versunken.

Ab morgen bis 28. Februar: Mo. und Fr. 9 - 15 Uhr, Di. -Do. 9 bis 18 Uhr. Eintritt frei.

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