Berlin : Die Nachtausgabe

In der Innenstadt hat sich der Spätkauf etabliert. Aber nicht alle machen mit – wegen amtlicher Hürden

Cay Dobberke,Florian Urschel

Abends um halb zehn, Sie sind eingeladen und wollen eine Flasche Wein und ein paar Cracker mitbringen. Wohin jetzt? Zum Spätkauf. Überall in der Stadt gibt es mittlerweile Geschäfte, die bis spät in die Nacht Lebensmittel, Snacks oder Geschenke verkaufen. Wie zum Beispiel der Laden „Alexanders“ in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Spätkauf wird dort wörtlich genommen. Geschäftsführer Hakan Topgül öffnet erst um 18 Uhr. Bis ein Uhr nachts verkauft er Getränke, Süßigkeiten und Zigaretten. Mehr nicht. Aber dieses Angebot reicht, sagt er: „Wir bedienen besonders die Leute, die um 20 Uhr erst Feierabend haben und sich dann auf dem Heimweg ein kühles Bierchen kaufen.“

Für Hakan Topgül sind die späten Öffnungszeiten die einzige Möglichkeit, gegen die Konkurrenz der Discounter zu bestehen. „Bei uns sind zwei Supermärkte in der Nähe, die bis 20 Uhr geöffnet haben“, sagt „Alexanders“-Geschäftsführer Topgül. „Da würde es sich nicht lohnen, den ganzen Tag über offen zu haben. Deshalb machen wir erst so spät auf.“

Der Spätverkauf nach 20 Uhr ist in Berlin noch keine Selbstverständlichkeit – obwohl der Senat fast die gesamte Innenstadt zum Tourismusgebiet erklärt hat. Damit dürfen Läden mit Sondergenehmigung bis Mitternacht Kunden bedienen. In kaum einer anderen Stadt seien die Öffnungszeiten so liberal geregelt, sagt Nils Busch-Petersen vom Berliner Einzelhandelsverband. Aber: „Die Vorschriften sind sehr kompliziert.“ So kommt es, dass Touristen und Berliner zum Beispiel in den Potsdamer-Platz-Arkaden nicht bis 22 oder 24 Uhr einkaufen können, obwohl die meisten Geschäfte dort die Genehmigung bekommen könnten.

Nach 20 Uhr dürfen Händler in der City ausschließlich „touristischen Bedarf“ anbieten. Dazu gehören Bücher, Kosmetika und Lebensmittel – nicht aber Küchengeräte, Teppiche oder Autos. Noch eine Hürde: Zu später Stunde gilt ein Arbeitnehmerschutz, es sollen keine einfachen Angestellten mehr verkaufen. Also müssen die Geschäftsinhaber oder leitende Mitarbeiter einspringen. Diese Klausel überfordert fast alle kleinen Läden. Dort arbeiten die Besitzer schon während der normalen Öffnungszeit selbst – und wollen sich abends nicht auch noch ins Geschäft stellen.

Der Pionier bei den Verkaufszeiten ist das Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße. Als bundesweit einziges Warenhaus öffnet es bereits seit Jahren an sechs Wochentagen bis 22 Uhr – und macht damit nach eigenen Angaben sehr gute Umsätze. Das Haus liegt in dem vom Senat festgelegten Tourismusgebiet und hat mit Büchern, Karten, CDs oder DVDs auch das erlaubte Sortiment. Die arbeitsrechtliche Hürde hat Dussmann mit einem Trick erfüllt: Alle Verkäufer wurden eigens zu leitenden Mitarbeitern befördert.

Aber auch andere Geschäfte haben sich ihre nächtliche Nische geschaffen. Im „Paint your Style“ in Charlottenburg können die Kunden täglich von 11 bis 22 Uhr Teller, Tassen und andere Keramikgegenstände selbst bemalen und dann glasieren und brennen lassen. Der Reiz, für sich oder andere einzigartiges Geschirr herzustellen, ist auch abends groß: „Meistens haben wir bis zum Ladenschluss Kundschaft“, sagt Inhaberin Sandra Grygier. „Abends allerdings eher Singles und kinderlose Paare. Mütter mit Kindern kommen morgens.“

Die beiden „Fix Foto“-Geschäfte am Kurfürstendamm haben montags bis sonnabends von 9 bis 22 Uhr geöffnet, sonntags immer noch von 11 bis 19 Uhr. Durch die zentrale Lage in der Stadt lohnen sich auch für sie die verlängerten Öffnungszeiten. Ein anderer Vorteil: berufsbedingte Kundschaft. „Wir haben einige Fotografen, die bei uns Stammkunden sind. Und die kommen oft sehr spät“, sagt eine „Fix Foto“-Mitarbeiterin.

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