Berlin : Die Nackten aus dem Grunewald

Vor fast zehn Jahren hat er das erste gefunden. Auf dem Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz. Es hatte Brandlöcher und war in Sütterlin geschrieben: ein altes Tagebuch. Theodor Schmidt, damals Germanistikstudent, konnte nur einige Wörter entziffern, aber die alte Schrift faszinierte ihn. Zu Hause begann er zu „übersetzen“, was ein Mann 1940 aufgeschrieben hatte: Über den Sommer in einer pazifistischen Nacktkolonie im Grunewald kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Er schrieb alles ab: „Um nicht wieder zu vergessen, was ich schon entziffert hatte.“ Schon bald kaufte er das nächste Tagebuch. Und noch eins.

Heute ist Theodor Schmidt 31 Jahre alt und in seinem WG-Zimmer mit Kachelofen und Nick-Cave-Poster in Neukölln lagern 300 alte Schriften. Poesiealben, Gedichtbücher, Jugenderinnerungen, vor allem Tagebücher. Das älteste ist von 1809. Mehr als 20 hat er abgeschrieben. Vor allem aber ersteigert er die alten Schriften bei Ebay, sichtet sie und verkauft vieles weiter. „Inzwischen kann ich gut davon leben“, sagt Schmidt. Mehrere hundert Euro bekommt er für die wertvollsten Stücke. Besonders für Kriegstagebücher von Soldaten gebe es einen Markt: „Die werden viel von Amerikanern und Engländern gekauft, die von der deutschen Weltkriegsgeschichte fasziniert sind“, sagt Schmidt. Er selbst kann weniger mit solchen kriegerischen Aufzeichnungen anfangen – vor allem nicht für seine Lesungen: Ab und zu findet er ein Tagebuch, das sich eignet, um es vorzulesen. Zum Beispiel am Freitag im Café Laika in Neukölln. „Ich würde nie etwas über Kriegstote vorlesen. Ich will nicht, dass die Leute bedrückt aus meiner Lesung rausgehen.“ “

Seine Lesungen sind oft überfüllt. Aus dem Tagebuch einer Abiturientin im Jahr 1928, die unglücklich verliebt war, hat er schon gelesen. Und aus den Aufzeichnungen eines „Swingkid aus Neukölln 1937 und ’38, der nur fürs Tanzen lebte“. Diese Lesung hat er aufgenommen und verkauft sie nun als CD. In seinem neuesten Programm liest er nun doch aus dem Tagebuch eines Soldaten, ganz gegen seine Gewohnheit. Allerdings ist es ein „sensibler Soldat“, Krieg komme nur als Idee vor und es stammt nicht aus dem Weltkrieg, sondern von 1850. Es geht unter anderem darum, wie der Schreiber die Revolution von 1848 erlebt hat.

Als Schmidt das Tagebuch ersteigerte, hatte er keine Ahnung, was er da bekommen würde. „Die Schrift war winzig klein. Man konnte auf den Fotos gar nichts erkennen, und der Verkäufer wusste nicht mal, aus welcher Epoche es war. Es war eine absolute Wundertüte.“ dma

Lesung am Freitag, 20 Uhr im Laika Neukölln, Emser Straße 131, Eintritt frei

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