Berlin : Die Plagen des Sommers

Wenn es heiß ist, gefällt das auch den Schädlingen – viele vermehren sich bei Trockenheit schneller Die Miniermotte zerstört mehr Kastanien als sonst. Darunter leidet auch der Mensch

Annette Kögel

Sommersonne satt: Das freut nicht nur die Berliner. Bei trockenem, heißen Wetter fühlen sich auch viele Schädlingsarten in der Stadt wohl – und vermehren sich unablässig. Dazu gehört die Miniermotte, die die Blätter der Kastanien noch schneller als sonst zerfrisst. Ebenfalls wegen der Trockenheit breitet sich der Mehltau-Pilz derzeit stark am Ahornblatt aus, die Lindenstämme werden von der wolligen Napfschildlaus ausgesaugt, und der Eichenwickler setzt den ohnehin stark durch die Luftverschmutzung geschädigten Eichen zu. Am Boden vermehren sich die Ameisen besonders stark, weil die Eier „gleichmäßig warm ausgebrütet werden können“, sagt Zoo-Vizechef Heiner Klös. Gartenbesitzer müssen zwar sprengen ohne Ende – dafür hält sich aber die Nacktschneckenplage in Grenzen. Die Tiere brauchen mehr Feuchtigkeit.

In diesem Sommer hat der Miniermottenbefall der rund 48 000 weißblühenden Kastanien in der Stadt wieder deutlich zugenommen, warnt das Pflanzenschutzamt Berlin. Dass sich jetzt schon wieder überall in der Stadt braune Blätter kräuseln oder sogar bereits als Laub abgeworfen werden, hat mehr als optische Folgen. „Unter dem von der Motte ausgelösten totalen Funktionsverlust des Baumes leidet letztlich auch der Mensch“, sagt Expertin Barbara Jäckel vom Pflanzenschutzamt Berlin: „Die Kastanie kann Luftschadstoffe und Feinstaub nicht mehr aufnehmen und filtern, und sie kann auch weder Sauerstoff noch Schatten noch Luftfeuchtigkeit spenden.“ Um die Motte zu bekämpfen, werden die Experten dem Senat jetzt voraussichtlich größer angelegte Versuchsreihen in der ganzen Stadt vorschlagen: mit chemischen Bauminjektionen sowie ausgesetzten Erzwespen, die Motten fressen.

„Schon vergangenes Jahr gab es trotz des verregneten Sommers mehr Miniermotten“, sagt Barbara Jäckel, die das auf drei Jahre angesetzte Forschungsprojekt gegen die Motte leitet. „Doch in diesem Jahr ist der Befall viel massiver.“ Es sind vor allem in den Außenbezirken weit mehr der rund fünf Millimeter kleinen Schädlinge in die Fallen geflogen. Besonders dort, wo im Herbst das Laub nicht weggefegt wurde, fressen sich jetzt Larven durchs Grün. Barbara Jäckel: „Wir haben schon bis zu dreihundertfünfzig Larven pro Kastanienblatt gezählt“. Bei Trockenheit entwickeln sich die bis zu vier Generationen der Miniermotte schneller und wandern immer rascher von den unteren Astregionen nach oben. Recht junge und sehr alte Bäume leiden besonders unter dem Fraß – sie verlieren dadurch an Kraft, dass sie mitunter im Herbst nocheinmal Blüten austreiben.

Wie aber die Miniermotte minimieren? Die Berliner Forschungsreihe endet im Oktober, 800 000 Euro gab es dazu von Senat und EU. Erfolgreich waren Versuche mit der für den Menschen ungefährlichen, parasitären Erzwespe. Die Larve der zwei Millimeter kleinen, stachellosen Wespe frisst die Larve der Motte im Blatt. „Außerdem wird geprüft, ob chemische Stoffe für den Markt zugelassen werden können“, sagt Jäckel. Dabei werden dem Baum per Pflaster oder Injektion Giftstoffe verabreicht, wie sie die 12 000 rotblühenden Kastanien von Natur aus besitzen. Diese wehren die Motte ab. Teilnehmer des Wettbewerbs „Jugend forscht“ haben jüngst herausgefunden, dass auch Regenwürmer und Flohkrebse Mottenlarven fressen. Natürlich nur am Boden und sicher nicht in ganz Berlin. Bislang hilft gegen die Plage also einzig fegen, fegen, fegen: Wo alles Laub im Herbst weggeharkt und in Großkompostieranlagen entsorgt wurde, ist der Mottenbefall 60 bis 90 Prozent geringer.

Einer ganz anderen Sommerplage sah sich übrigens eine Tagesspiegel-Leserin kürzlich ausgesetzt, und zwar durch Krähen , die jetzt wegen der Wärme ebenfalls viele Jungtiere durchgebracht haben. Die Frau wurde vor ihrer Haustür mehrfach von Vögeln attackiert, die ihr Platzwunden mit dem Schnabel zufügten. Dafür aber hatten gestern auch die Biologen keine verlässliche Erklärung parat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar