Berlin : Die polierte Platte

Christian van Lessen

Das Wort "Abriss" mag er nicht. Eckard Baum, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft HoWoGe in Hohenschönhausen, kann es im Zusammenhang mit Plattenbausiedlungen und Wohnungsleerstand nicht mehr hören. Was sei in fünf oder zehn Jahren, wenn vielleicht mehr Zuwanderer kämen oder auch sonst Wohnungen knapp werden könnten, von denen man vorher viele abgerissen hätte? "Vorsichtig operieren" müsse man, eine Wohnung sei ein langfristiges Gut, "kein Fernsehprogramm, das man schnell abschalten kann".

Alarmierend ist die Situation in Großsiedlungen im deutschen Osten, in dem schon Tausende von unvermietbaren Plattenbauwohnungen abgerissen worden sind. Weniger Besorgnis erregend dagegen sei die Lage in Berlin mit seinen 273 000 Plattenbauwohnungen, von denen nur noch 41 000 unsaniert sind. Die durchschnittliche Leerstandsquote beträgt knapp über neun Prozent. Der Deutsche Werkbund Berlin und die Industrie- und Handelskammer machten gestern, unterstützt von Wohnungswirtschaftlern wie Baum, Vorschläge für "Aufwertungsstrategien" in Großsiedlungen. Stadtplaner Urs Kohlbrenner erläuterte mit der Werkbund-Vorsitzenden Helga Schmidt-Thomsen und dem IHK-Geschäftsführer Volkmar Strauch die Pläne.

Dem Senat wird dringend empfohlen, den Großsiedlungen mehr Aufmerksamkeit zu widmen statt nur auf die Innenstadt zu achten. Die Gefahr wachsenden Leerstands, mangelnder Akzeptanz bei den Bewohnern und wirtschaftlicher Schwierigkeiten bei den Eigentümergesellschaften sei keinesfalls gebannt. Um Aufwertung müsse es gehen, nicht um Abriss - darin sieht man sich durch die Koalitionsvereinbarungen bestätigt. Dies schließe aber nicht aus, dass im Einzelfall eher aus städtebaulichen Gründen "punktuell Abriss oder Teilrückbau", etwa das Abtragen von Geschossen, möglich sein müsse. Öffentliche Einrichtungen und Freiflächen seien zu einem großen Teil verwahrlost, allein in Marzahn und Hellersdorf stünden 28 Kindertagesstätten leer, und der städtische Liegenschaftsfonds müsste die Grundstücke schnell veräußern oder verpachten. Die Wohnungsbaugesellschaften sollten "Angebote für spezifische Nutzergruppen" entwickeln. In unsanierten Beständen könne sich beispielsweise empfehlen, zwei Wohnungen zum Preis von einer anzubieten (was zum Teil beispielsweise bei der GeSoBau schon praktiziert wird). An anderer Stelle böte sich an, Erdgeschosswohnungen für Gewerbe freizugeben. Einzelne Hochhäuser könnten für Hotelzwecke genutzt werden.

Werkbund und IHK kritisierten, dass Großsiedlungen in der öffentlichen Diskussion zu oft mit Leerstand, Abriss, Uniformität und Betonwüste gleichgesetzt würden. Dass aber 90 Prozent der Wohnungen vermietet seien und die meisten Mieter sich wohl fühlten, werde häufig ignoriert. Die Wohnungsbaugesellschaften sollten mehr Handlungs- und Gestaltungsspielraum erhalten - ohne den Ballast aus Zeiten der Wohnungsknappheit, etwa das Verbot der "Zweckentfremdung" von Wohnraum oder starre Mietobergrenzen.

Es ist die Bürokratie, an der sich Wohnungsbaugesellschaften immer wieder reiben. Auch Eckard Baum von der HoWoGe. Er ist zwar grundsätzlich gegen Abriss. Doch das leer stehende Hochhaus Frankfurter Allee 135 würde er gern loswerden, "weil es falsch steht und das Areal umgestaltet werden soll". Aber das Wohnungsamt verlangt, Ersatzwohnraum zu schaffen.

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