Berlin : Die Queen gewinnt

Großbritanniens Botschaft zeigte sich überraschend WM-frei Trotzdem bleibt Fußballgucken der Lieblingszeitvertreib bei vielen Events

Elisabeth Binder

Ganz hinten, im letzten Winkel des Gartens flimmerte sehr diskret und fast unbeachtet ein Fernseher. Es gibt Rituale im gesellschaftlichen Leben der Stadt, von denen auch eine Fußballweltmeisterschaft nicht wirklich ablenken kann. Die alljährlich auf dem makellosen Rasen der Botschafterresidenz Mitte Juni zelebrierte Feier zum Geburtstag der britischen Queen ist so ein Anlass. Ansonsten hat das gesellschaftliche Leben einen Gang zurückgeschaltet. Noch vor Monaten wurde immer wieder geraunt, was für eine wunderbare Plattform die Weltmeisterschaft bieten werde, um alle möglichen Empfänge und Präsentationen zu organisieren. Da hinter vielen Events Männer mit Macht und Geld stecken, denen rasch klar wurde, dass Feiern, egal aus welchem Anlass, temporäre Fußballabstinenz von ihnen verlangen würde, blieben etliche Pläne dann doch auf der Strecke.

Nur eben der alljährliche Empfang für die Queen verlief nach vertrautem Ritual. Botschafter, Banker, Professoren und Charity-Ladys genossen am frühen Mittwochabend die britische Atmosphäre bei Erdbeeren mit Sahne, Sekt und Smalltalk. Zum 80. ließ es Botschafter Sir Peter Torry nicht bei einem kurzen Toast bewenden, der vorsieht, dass zuerst auf das Wohl des deutschen Präsidenten das Glas erhoben wird (worauf die deutsche Hymne gespielt wird, und anschließend alle im Chor und von Ferne der Queen zu toasten und dann die britische Hymne gespielt wird). Weil es diesmal so ein runder Anlass war, erinnerte er daran, dass die britische Königin sämtliche bundesdeutschen Präsidenten und Kanzler persönlich gekannt habe. Erst kurz vor ihrer Krönung 1952 sei zudem erstmals der Mount Everest bezwungen worden, scherzte Torry. Dann ging er zu den Hügeln über, die jetzt vor der englischen Nationalmannschaft liegen – die gestern Abend die Partie gegen Trinidad und Tobago erst in letzter Minute für sich entschied.

Tatsächlich ist bei den sonst noch stattfindenden Events derzeit alles in, was sich mit Fußballgucken kombinieren lässt. Vattenfall lud in „Die lustige Witwe“ – und anschließend zum Deutschlandspielgucken (siehe Rubrik „Stadtmenschen“). Die Landesvertretungen bitten ihr Stammpublikum zum Lounge-Viewing. Bei den Nordrhein-Westfalen gab es für ein ausgewähltes Publikum am Mittwoch Übertragungswände im ganzen Haus. Sogar draußen im Garten konnte man das Spiel im Dortmunder Westfalenstadion verfolgen, aber da gab es auch ruhige Eckchen nur zum Plaudern, in die sich überwiegend Frauen zurückgezogen hatten.

„At Home in Berlin“ heißt ein Programm, mit dem Event-Unternehmerin Isa von Hardenberg WM-Spitzengäste in die Häuser von prominenten Berlinern vermittelt. Volker Schlöndorff, Hartwig Piepenbrock, Peter Dussmann, Regina Ziegler, Christoph Stölzl, Peter Raue und Peter Schwenkow machen mit. So bekommen Meinungsführer von außerhalb die Gelegenheit, ein exklusives Berlin während der WM ganz privat kennen zu lernen. Fußballgucken inklusive.

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