Berlin : Die reiche Stadt

Wie ist Berlin zu retten? Durch Sparen, sagen die Verantwortungsträger. Bloßer Verzicht genügt nicht, sagen die Gegner. Die Autorin des Buches „Berlin ist mein Paris“ kennt Berlins große Stärke: kreative Menschen, die eigene Lösungen finden. Sie hat sie entdeckt

Carmen-Francesca Banciu

Als ich herkam, war Berlin eine umstrittene Stadt, und man wusste noch nicht, wo sie hin will. Eine Hauptstadt sollte sie werden. Eine Hauptstadt, in der sich die beiden Teile Deutschlands widerspiegeln. In der das wiedervereinigte Deutschland seinen Ausdruck findet.

Es war ein langes Ringen. Denn es ist nicht einfach, alte Gewohnheiten zu verändern, Vorteile zu verlieren und alte Vorurteile aufzugeben. Sich vollkommen zu erneuern, um einer neuen Stadt auf die Sprünge zu helfen. Einer Stadt in einem neuen Kontext. Im Kontext eines vereinten Europas.

Berlin ist eine fordernde Stadt. Wer hier lebt, lebt nicht nur für sich. Und wer hier etwas tut, der sollte es nicht nur für seinesgleichen tun. Die Welt ist im Umbruch und schaut auf Berlin. Denn hier hat alles angefangen. Nicht nur symbolisch. Und nun erwartet man, dass Berlin die Fäden bündelt und daraus ein Netz webt. Ein Netz, mit dem sich alle identifizieren können.

Berlin liegt an der Kreuzung der Welten. Dort wo Ost und West aufeinander prallen. Und die Stadt nimmt diese wuchtige Bewegung in sich auf, verändert sie. Und gibt sie zurück als kreative Energie. Wenn zwei Welten aufeinander prallen, und die eine untergeht, bleibt die andere nicht unberührt. Das Gleichgewicht ist zerstört. Und man muss eine neue Lebensform entwerfen. Eine, die die Erfahrungen beider Seiten berücksichtigt.

Berlin ist keine Stadt. Berlin ist ein Zustand. Der Ausdruck des ewigen Wandels. Der Ausdruck der Suche nach neuen Identitäten.

Berlin hat viele Gesichter, viele Identitäten. Ein Windhund ist Berlin, der die leichtesten Luftbewegungen wahrnimmt. Und nie zur Ruhe kommt. So viele Erwartungen werden an diesen Ort gestellt. So viele Aufgaben werden ihm auferlegt. Man behauptet, Berlin drohe an diesen Aufgaben zu zerbrechen.

Eine Weile überließ man alles den Politikern. Sie sollten es richten. Sie sollten Lösungen finden. Man hat gewartet und gehofft.

Berlin ist pleite, klagt man. Berlin lebt über seine Verhältnisse. Berlin ist arbeitslos. Sparen. Sparen, sagen die Torwärter. Die Verantwortungsträger. Sparen. Sparen. Einfrieren. Blockieren. Erwürgen. Den Atem lahm legen, das Leben zum Stillstand bringen. Eine Weile überließ man den Politikern die Aufgaben. Das konnte nicht gut gehen. Berlin ist eine demokratische Stadt. Vielleicht die freieste in Deutschland. Vielleicht die freieste in Europa. Sie lässt sich nicht einfach regieren. Sie muss mitregieren. Und das muss allen bewusst sein.

In Berlin geht alles den Bach runter, klagte man. Ist dieser Stadt noch zu helfen? Manche zogen ins Umland. Andere zogen ganz weg. Manche zogen zurück. Und manche zogen trotzdem her. Denn Berlin ist ein lebendiger Organismus, der selbstheilende Kräfte besitzt. Eine Weile überließ man die Verantwortung den Politikern. Und dem Staat. Man fühlte sich als Opfer.

Berlin ist pleite. Und alles droht den Bach runter zu gehen. Wie soll man diese Stadt retten. Mitregieren heißt Verantwortung übernehmen. Sich zuständig fühlen. Freiheit ist des Menschen Ziel. Man ist in dem Maße frei, wie man sich an seinem eigenen Lebensentwurf beteiligt. Eine Stadt ist ein lebendiger Organismus. Mitregieren. Fragen stellen. Lösungen finden.

Wie soll man dieser Stadt helfen, fragen die Zeitungen. Die Schulen. Die Polizei. Die Feuerwehr. Die Oper. Und. Der kleine Mann von nebenan. Alle wollen es wissen.

Sparen. Sparen. Verzichten. Einschränken. Beschränken. Einengen. Verblassen. Verblühen. Verbittern. Sagen die einen. Die Torwärter. Die Verantwortungsträger. Sparen? Sparen erstickt die Lebensgeister. Man soll sinnvoll sparen, sagen die anderen.

Wie kann ich mir und meiner Stadt helfen, fragen sich manche. Berlin ist ein Konzentrat an Energien und Kreativität. Immer mehr Menschen finden hier eigene Lösungen. Individuelle Lösungen, die den Geist der Stadt anregen. Und anziehend wirken.

Eines Morgens trifft Frau G. eine wichtige Entscheidung. Sie will nicht mehr zum Arbeitsamt gehen, um die sparsame Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie will gebraucht werden. Und zeigen, was sie kann. Sie will kein Opfer mehr sein, sondern ein freier Mensch, der sein Schicksal in die Hand nimmt. Eines Morgens wacht sie auf mit ihrer Entscheidung und stürzt sich auf ihren Computer. Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, schreibt sie auf 1000 Postkarten. Jung gebliebene, dynamische Frau mit Qualifikation und Ausdauer sucht neues Betätigungsfeld. Bestätigungsfeld. Foto, Adresse und Telefon.

Und mit den Karten stürmt sie zur Siegessäule mitten im bewegtesten Berufsverkehr. Tausend Entscheidungsträger fahren da täglich auf dem Weg zur Arbeit vorbei. Einige von ihnen laden sie zu Vorstellungsgesprächen ein. Und Frau G. kann sich den für sie passenden Job aussuchen. Frau G. lebt in Berlin und hat viele Geschwister, jung geblieben und dynamisch. Ein Konzentrat an Energie tragen sie in sich. Einen Kern der Phantasie und der Improvisationskunst. Den wahren Reichtum, aus dem alles entsteht. Man darf ihn nur nicht erdrosseln. Er muss sich frei entfalten.

Berlin ist eine reiche Stadt. Ihr Reichtum ist unerschöpflich. Und viele von außerhalb haben es erkannt. Motorola, Coca-Cola, MTV und andere. Sie wollen alle kommen. An diesem Reichtum wollen sie teilhaben. Sich bewegen. Beeinflussen. Berauschen lassen. Sie wollen ihre Wurzeln in diesen nahrhaften Boden senken. Sich aus ihm ernähren. Und ihn mit befruchten.

Die Torwärter sind nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Sie sollen den Boden vorbereiten. Den Reichtum pflegen. Sie sollen die Fenster aufreißen. Die Tore weit aufmachen. Die Luft muss prickeln vor Sauerstoff. Die Torwärter sind aus der Verantwortung nicht entlassen. Sie müssen die Bedingungen schaffen, um diesen Reichtum zu pflegen.

Sparen. Sparen?

Sparen ist gut. Reichtum ist besser.

Carmen-Francesca Banciu, gebürtige Rumänin, lebt seit 1990 als freie Autorin in Berlin und leitet Seminare für kreatives Schreiben. Im letzten Jahr erschien ihr Buch „Berlin ist mein Paris – Geschichten aus der Hauptstadt“ bei Ullstein.

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